Aufsatz 
Über den deutschen Unterricht auf Gymnasien / Loeber
Entstehung
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treiben, sondern mit dem lateinischen Worte das deutsche deklinieren lassen und auf diese Weise die Schüler auch in der deutschen Formenlehre sicher machen. So möchte ich es auf- fassen. Von dem Unnützen, in deutscher Stunde Schüler deutsche Worte deklinieren zu lassen, sollte doch jeder Lehrer überzeugt sein, aber ich fürchte, auch diese Methode ist noch nicht aufgegeben. Glaubt man denn wirklich, daß Schüler durch solche UÜbungen zu einem richtigen Sprechen gebracht würden? Allerdings müssen wir darauf achten, daß nicht in bekannter Bequemlichkeit Schüler Endungen verschlucken. Sofort muß der Lehrer, wenn er solches bemerkt, korrigierend eingreifen. Ein vorzügliches Mittel hiergegen ist es auch, wenn er selbst immer scharf spricht. Daß die Muttersprache aber nicht gelernt werden kann, ja nicht gelernt werden darf, wie eine fremde Sprache, diese Ansicht sollte doch endlich durchgedrungen sein, aber wie schon erwähnt, ich fürchte, sie ist es noch nicht. Und doch bekämpft diese Methode Deutsch zu lehren, keine andere Autorität als Jakob Grimm. In seiner Vorrede zur ersten Ausgabe seiner Grammatik erhob er sich gegen sie. Er erklärt diesen grammatischen Unterricht geradezu für schädlich und nennt ihn eine unsägliche Pedanterie, die es Mühe kosten würde, einem wiederauferstan- denen Griechen oder Römer nur begreiflich zu machen. Schmid bemerkt noch hierzu in seiner Encyklopädie S. 310, 1. Bd.:Die meisten mitlebenden Völker aber haben hierin so viel gesunden Verstand vor uns voraus, daß es ihnen schwerlich in solchem Ernste beigefallen sei, ihre eigene Landessprache unter die Gegenstände des Schulunterrichtes zu zählen. Den geheimen Schaden, den dieser Unterricht, wie alles Uberflüssige, nach sich ziehe, werde eine genauere Prüfung bald gewahr; es werde dadurch gerade die freie Entfaltung des Sprachvermögens in dem Kinde ge- stört und eine herrliche Anstalt der Natur, welche uns die Rede mit der Muttermilch eingebe und sie in dem Befang des elterlichen Hauses zur Macht kommen lassen wolle, verkannt. Man braucht nur zu sehen, welche unsägliche Mühe einem Kinde eine solche Forderung macht und dann aber erst, wenn der Lehrer mit ernster Miene etwadie weiße lederne Hose dekli- nieren läßt. Herzlos ist ein solcher Unterricht zu nennen. Schon das Hersagen eines latei- nischen Paradigmas macht dem Schüler große Mühe, ohne entsprechenden Erfolg. Am raschesten werden die Schüler auch den Gebrauch der lateinischen Formen immer lernen, wenn der Lehrer möglichst freie Sätze bildet und dann das Wort, auf das es ankommt, in lateinischer Sprache sagen läßt. Auf der untersten Stufe des lateinischen Unterrichts ist gar nicht nötig, daß der ganze Satz sofort übersetzt wird, sondern nur die Worte, die der Schüler bereits kennt. Auf diese Weise können die Sätze im lateinischen Unterricht mannigfaltiger gestaltet werden und es wird größere Sicherheit im richtigen Treffen des Casus erreicht, als wenn man Sätze bildet, in denen nur der dem Schüler bekannte Wortvorrat angewendet wird. Noch viel weniger aber sollte man im Deutschen Wörter, außerhalb eines Satzgefüges, deklinieren lassen. Die Hinzu- fügung mehrerer Adjektiva zu einem Substantiv, das dekliniert werden soll, bereitet aber oft Schwierigkeiten, die nur mit Hülfe des Ohres in einem Satzgefüge gelöst werden können.

So bliebe denn für die deutschen Stunden der unteren Klassen übrig: Lesen und Er- zählen des Gelesenen, Deklamieren von Gedichten und orthographische UÜbungen. Das sieht freilich sehr unbedeutend aus, ist es aber nicht, und dazu kann noch manches andere kommen, was gar lehrreich ist.

Der Unterricht im Deutschen auf Gymnasien muß den in dem Menschen ruhenden Trieb zur Sprache wecken, hegen und pflegen und zwar auf natürliche Weise. Es darf nicht auf einmal die Methode eine ganz andere sein, als die in jeder guten Familie angewandte, bevor der Knabe in

die Schule kommt. Der deutsche Unterricht muß aber auch das Herz des jungen Menschen 2*