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ſittliches, ſondern ein erkenntnistheoretiſches Motiv führt viele zum Materialismus. Nicht dieſer an ſich reizt, ſie, ſondern ſeine ſcheinbare Einheit, und ſie wären in ihrer Sehnſucht vielleicht viel lieber An⸗ hänger des Fichte'ſchen Idealismus geworden, wenn dieſer ebenſo auf allen Straßen läge. Es wird daher ſchwer halten, den Materialismus etwa durch den Realismus mit ſeiner dualiſtiſchen Metaphyſik zu verdrängen; das kann nur der Idealismus. Wer einmal das köſtliche Gefühl kennen gelernt hat, das eine einheitliche Anſchauung, das Vordringen zu dem Einen und Allen, gewährt, wird die Sehnſucht darnach, wenn er den erkenntnistheoretiſchen Irrtum des Materialismus erkannt hat, im Zuſtande des Realismus nicht los werden. Das böſe„Ding an ſich“ läßt das Denken nicht zur befriedigenden Ruhe kommen. Das Streben nach Einheit trat in der Philoſophie zurück, ſeitdem ſie realiſtiſch wurde. Die Jugend aber läßt ſie ſich nicht nehmen, und ſollte ſie ſich dieſelbe auch auf ihre Weiſe herſtellen. Die Metaphyſik wird wie Th. Vogt(Zeitſchr. f öſterr. Gymnaſ. XX 38) treffend bemerkt, dadurch immer wie durch eine Hinterthür auch ungerufen eintreten. In Lotzes Philoſophie findet man die erſehnte Einheit, ſie iſt die Philoſophie des denkſchnellen Jünglings und des beſonnenen Mannes zugleich. Man würde der philoſ. Propädeutik eine ſchöne Frucht nehmen, wenn man am Ende derſelben im Anſchluß an die Seelenfrage, der deshalb Hollenberg nicht aus dem Wege geht, den Schülern nicht wenigſtens einen Blick auf das metaphyſiſche Problem verſtattete, das in dem Verhältnis von Denken und Sein, von Ich und Welt beſteht. Von dem unendlichen Geiſt gehen bei Lotze die einzelnen, endlichen Geiſter aus und die Welt der Dinge. Das iſt eine Einheit, welche die Ergebniſſe der exakten Forſ ſchung in ſich aufgenommen hat, nirgends einer wiſſenſchaftlich mechaniſchen Auffaſſung der Außenwelt, ſei ſie auch Deſcendenzlehre, widerſtreitets) und geradenwegs zu Gott gekommen iſt. Für dieſe höhere Einheit kann man die Herbartiſche Einheit der vermögenloſen Seele wohl dahin geben.„Statt der Frage einer Wechſelwirkung von Leib und Seele ſpricht man jetzt von einer Korreſpondenz leiblicher und geiſtiger Vorgänge“.**) Das wäre denn das Leibnitz'ſche Problem der präſtabilierten Harmonie. Lotze löſt es einheitlich mit den Mitteln der Wiſſenſchaft des Geiſtes und der Materie. Das Reſultat findet man in den ſchönen Stellen des Mikrokosmus(III 526 ff.).
Wenn J. G. Fichte als der deutſcheſte unter den Philoſophen bezeichnet werden kann, ſo hat auch Hollenberg recht, wenn er die Philoſophie Lotzes eine nationale nennt. Er hat den Idealismus Fichtes mit dem ruhigen Geiſte des Naturforſchers vereint. Seine Pſychologie ſcheint beſonders geeignet, in der Schule der Erklärung der pſychiſchen Phänomene die Richtung zu geben und zu den Vorfragen der Ethik und Metaphyſik hinüberzuleiten. So unabhängig die Pfychologie auch von Metaphyſik ſein mag,**) und ſo ſehr dem Lehrer die Wahl ſeines eigenen metaphyſiſchen Standpunkts überlaſſen bleiben muß, ſo iſt es doch nicht gleichgiltig für das Bedürfnis der Schüler, wie die Metaphyſik des Pſychologen iſt. Einheit iſt auch für die Schule das Erſtrebenswerteſte, und es iſt nicht die geringſte Empfehlung für eine Schulpſychologie, wenn ſie ein Glied in einer Philoſophie iſt, die alles menſchliche Wiſſen beherrſchend und in ihre Kreiſe ziehend, von den einzelnen Dingen ausgeht und zu Gott gelangt„als dem Urgrund der Wirklichkeit des Endlichen“, das jelſ keine Realität hat, zu der vollkommenſten Per⸗ ſönlichkeit, die nur mit dem Begriff eines unendlichen Weſens vereinbar iſt.(Grundzüge der Religions⸗ philoſophie Lpz. 1884.)
*) Da die Schüler nicht bloß das in der Schule Gebotene leſen, ſo iſt es von großer Wichtigkeit, ſie erkennen zu laſſen, daß der philoſophiſche Idealismus und der auf die Welt der Dinge, die Phänomene ſich beſchränkende, natur⸗ wiſſenſchaftliche Materialismus mit ſeinem conſequenten mechaniſchen Princip durchaus keine Gegenſätze find, daß der letztere in dem erſteren ohne Widerſpruch aufgeht. Wie viel dadurch für die Erhaltung der von der Schule gepflegten Einheit ihres Denkens und Wiſſens, für ihre ſittliche Feſtigung elciſtet wird, braucht nicht auseinandergeſetzt zu werden.
**½) Wernicke bei Chevalier a. a. O. II 27.
*) Vergl. über das Verhältnis aber doch 8 A. Lange in Schmid's Encyklop.(„Seelenlehre“) und K. Neudecker, Die philoſ. Propäd. auf Gymnaſ. Progr. Würzb. S. 17.


