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Fäſſer weg, und durch das jetzt weit gebffnete Thor ergoß ſich die beutegierige Menge. So ſchnell wichen aber die Verteidiger der lübermacht nicht; mit Schwertern und Hellebarden hieben ſie auf die Eindring⸗ linge ein, verwundeten viele und töteten einen, während von den Ihrigen zwei im Handgemenge fielen. Sie ſahen jedoch bald ein, daß jeder Widerſtand vergebens ſei, und flüchteten teils in ihre Häuſer, teils auf den Friedhof, wohin ſie auch in aller Eile das Wertvollſte ihrer Habe zu ſchleppen ſuchten. Man verfolgte ſie nicht dahin, denn nicht nach Kampf gelüſtete es die Menge, ſondern nach Beute; in kleinere Abteilungen aufgelöſt, drang ſie in die einzelnen Häuſer ein. In der Stadt hatte ſich inzwiſchen das Gerücht verbreitet: Man hat uns die Judengaſſe preis gegeben. Und nun ſtrömte alles herbei, was ſonſt noch hab⸗ und beutegierig war, ſogar Frauen und Kinder. Manche waren ſo vorbedacht geweſen, gleich Wagen und Karren mitzubringen, um das Geraubte bequem fortſchaffen zu können; doch ſoll nicht ver⸗ ſchwiegen werden, daß auch manche Bürger in die Gaſſe nur in der Abſicht eindrangen, die Habe befreundeter Juden vor den Plündernden in Sicherheit zu bringen und ſie ihnen ſpäter zurückzuſtellen. Fettmilch mit ſeinem Regimentsſtab befand ſich mitten unter den Plündernden. Er ſowie die andern Häupter des Aufſtandes hielten jetzt reichliche Ernte. Seine Familie half ihm wacker beim Bergen der geraubten Schätze; ja, er ſcheint ſich beſondere Leute gedungen zu haben, die ihm die Beute in ſeine Wohnung trugen. Die Plün⸗ derer verſchmähten nicht den unbedeutendſten Gegenſtand; Hühner und Gänſe, Bratſpieße, ſogar Miſtgabeln wurden mitgenommen. Die Weiber machten ſich beſonders über das Geſchirr und die Wäſchevorräte der jüdiſchen Haushaltungen her. Von mancher chriſtlichen Hausfrau hieß es ſpäter,„ſie habe damals ihre Stube wohl mit Zinn ſtaffiert.“ Eine beſondere Anziehungskraft übten die eiſernen Truhen aus, in denen man Geld, Koſtbarkeiten und Schuldverſchreibungen vermutete. Als alles Mitnehmenswerte geraubt war, begann man, von erbeutetem Wein und wilder Zerſtörungsluſt berauſcht, die Häuſer zu demolieren; Kachelöfen, Thüren und Wände wurden zerſchlagen, Dielen aufgeriſſen und Fenſter eingeworfen. Die heiligen Bücher und Schriften der Juden warf man in die Feuer, die man mitten in der Gaſſe ange⸗ zündet hatte, und deren mächtig emporlodernde Flammen das wüſte Zerſtörungswerk beleuchteten. Dreizehn Stunden hatte ſo die Plünderung ungeſtört gedauert, da erſt begannen ſich die friedliebenden Elemente aus ihrer Lethargie aufzuraffen. Man begann für den eigenen Beſitz zu fürchten, wenn den entfeſſelten Leiden⸗ ſchaften nicht endlich Einhalt gethan wurde. Schon erſcholl vereinzelt der Ruf unter der Menge, man ſolle auch über diejenigen Bürger herfallen, die pariert hätten. Viele der Reichſten fühlten ſich nicht mehr ſicher und flüchteten nach den Nachbarſtädten.
Da war es das Verdienſt des jüngeren Bürgermeiſters Köhler(der ältere hatte vollſtändig den Kopf verloren), daß er ein Häuflein Beherzter um ſich ſcharte und mit ihnen wohlbewaffnet und beritten nach der Gaſſe rückte. Aber ihr Mut wurde auf keine harte Probe geſtellt; die Menge hatte ſich müde geſchrieen und war zum teil ſinnlos trunken; ſie räumte der Reiterſchar ſofort den Platz, ein genügender Beweis, daß man mit etwas Energie die Ausſchreitungen im Keime hätte erſticken können. Die Gaſſe bot einen troſtloſen Anblick dar, überall auf dem Boden zerſtreut lagen einzelne Blätter aus den heiligen Büchern umher; ſtellenweiſe war der Durchgang verſperrt durch Karren, Wagen und Säcke voll von ge⸗ raubtem Gut. Die Synagoge war ebenfalls ausgeplündert; der Schrank, in dem die Geſetzesrollen auf⸗ bewahrt wurden, beſchmutzt und beſudelt worden.
Mit der Säuberung der Gaſſe von Geſindel glaubte der Rat genug gethan zu haben und unter⸗ nahm keine weiteren Schritte, außer daß er vor den Thoren eine Wache aufſtellte, die verhindern ſollte, daß wieder Pöbelhaufen eindrängen, um Nachleſe zu halten.


