Aufsatz 
Die Schicksale der Juden zu Frankfurt a.M. während des Fettmilchschen Aufstandes / Isidor Kracauer
Entstehung
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auf der Schmidtſtube die Rede davon war, man müſſe die Juden einmal plündern, und daß Fettmilch die an ihn ergangene Aufforderung, die aufgeregten Geſellen zu beſchwichtigen, rundweg zurückwies. Durch einen Handſtreich auf die Judengaſſe hoffte er, die ſchlimmen Triebe der Menge zu befriedigen und ihr zugleich keine andere Wahl zu laſſen, als ſich den Häuptern des Aufſtandes unbedingt in die Arme zu werfen.

V.

Bereits am Tage vor der unheilvollen Unterredung der Subdelegierten mit den Altgeſellen, am 21. Auguſt, war zu den Juden das Gerücht von einer bevorſtehenden Plünderung der Gaſſe gedrungen. Einige Familien flüchteten bei Zeiten in die Häuſer befreundeter Chriſten. So nahm einböſtlicher*) Ratsherr erwa 60 der Unglücklichen, darunter 10 Wöchnerinnen in ſein Haus auf. Weitaus die meiſten waren aber zurückgeblieben und harrten in größter Angſt und Aufregung der kommenden Ereigniſſe. Sie verrammelten die Thore zur Gaſſe, ſo gut es anging; im übrigen aber bauten ſie einzig und allein auf Gottes Hilfe, die ſie durch Gebet und Faſten zu erringen hofften.

Die Mehrzahl von ihnen befand ſich am Nachmittag des 22. Auguſt in der Synagoge, als ſich um 5 Uhr dichte Volksmaſſen, geführt von Handwerksgeſellen, die, wie ſich ſpäter herausſtellte, zum größten Teil keine geborenen Frankfurter waren, unter wüſtem Geheule und Geſchrei gegen die Bornheimer Pforte heranwälzten. Die Männer verließen das Gotteshaus, bewaffneten ſich mit Schwertern und Hellebarden und eilten zur Verteidigung ihrer Heimſtätten an die Thore, hinter denen ſie aus Fäſſern, Bänken und Steinen Barrikaden errichteten. Die Frauen und Kinder hatte man zum größten Teil auf den Friedhof geflüchtet, wo ſie in banger Verzweiflung der Entwicklung der Dinge entgegenſahen.

Die Angreifer begannen den Sturm gegen die Pforte, doch war der Eintritt nicht ſo leicht zu er obern, als ſie gedacht hatten; es verrann Stunde auf Stunde, der lange Sommertag war ſchon zur Rüſte gegangen, und noch widerſtand das wohlverwahrte Thor, durch das gedeckt die Verteidiger einen Hagel von Steinen unter die Anſtürmenden ſchleuderten. Aber wie lange konnten ſie noch hoffen, mit ihrer ſchwachen Kraft das Unheil abzuwehren, da der Rat, ein Bild kläglichſter Hilfloſigkeit, nichts unternahm, der be⸗ drängten Judenſchaft zu Hilfe zu eilen?

So war es zehn Uhr geworden, und noch immer bot ſich dasſelbe Bild dar. Die Ungeduld der Menge hatte ihren Höhepunkt erreicht. Bereits wollte Fettmilch zwei Geſchütze gegen das Thor auffahren laſſen, da gelang es einigen Zimmerleuten, die nur aus Fachwerk und Lehm beſtehenden Wände eines dicht an der Gaſſe befindlichen Hauſes einzuſchlagen und auf dieſem Wege einem mit Musketen bewaff⸗ neten Haufen Eingang in die Gaſſe zu verſchaffen. Schon waren die Juden im Begriff, ſich gegen die Eingedrungenen zu wenden, als dieſe verſicherten, ſie ſeien nur zu ihrem Schutze erſchienen, und ſie auf⸗ forderten, die Waffen niederzulegen. Man ſchenkte ihren Worten Glauben und räumte das Feld, aber nur zu raſch ſahen die Juden ihren Irrtum ein. Durch einen Signalſchuß verſtändigten die Eingedrungenen die draußen Harrenden von dem gelungenen Handſtreich, dann räumten ſie die hindernden Balken und

*) So heißt er im ſogenannten Vincenzlied, das von Abraham Helen, einem Zeitgenoſſen Fettmilchs verfaßt, in lebendigem Tone die Plünderung der Judengaſſe und die Zurückführung der Juden nach Frankfurt ſchildert. Auch in ſprachlicher Hinſicht zum hebräiſchen Text haben wir eine überſetzung im damaligen Judendeutſch iſt das Lied höchſt intereſſant.