Aufsatz 
Die Schicksale der Juden zu Frankfurt a.M. während des Fettmilchschen Aufstandes / Isidor Kracauer
Entstehung
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Die Schickſale der Inden zu Frankfurt a.. während des Fettmilchſchen Aufſtandes. Von Dr. Ifidor Krarauer.

I.

Im Anfang des ſiebzehnten Jahrhunderts, kurz vor dem Ausbruch des dreißigjährigen Krieges, war die Reichsſtadt Frankfurt vier Jahre hindurch der Schauplatz einer Revolution, die das Gemeinweſen bis in ſeine Grundfeſten erſchütterte und ſogar die Selbſtändigkeit der Stadt in Frage ſtellte. Dieſe unter dem Namen des Fettmilchſchen Aufſtandes in der Geſchichte Frankfurts bekannte Erhebung hatte ihren Grund in der Unzufriedenheit mit der Verfaſſung, die ſich im Laufe der Zeit, beſonders unter dem Einfluß des Reformationszeitalters, zu einer ſtreng oligarchiſchen ausgebildet hatte und auf den verſchiedenen Klaſſen der Bevölkerung mit ſchwerem Druck laſtete.

Die Einwohnerſchaft gliederte ſich weſentlich in drei Beſtandteile. Den erſten Rang nahmen die Geſellſchaften ein, die, abgeſehen von der einen Krämergeſellſchaft, die patriziſchen Geſchlechter der Stadt umfaßten. Die bei weitem vornehmſte war die der Limpurger; ſchon die zweite Adelsgeſellſchaft, die der Frauenſteiner*), ſtand ihr an Einfluß bedeutend nach.

Einen zweiten Hauptbeſtandteil bildeten die zahlreichen Zünfte, die nicht etwa im heutigen Sinne des Wortes nur rein gewerbliche Genoſſenſchaften waren, ſondern feſtgefügte Verbindungen mit politiſchen, militäriſchen, kirchlichen und gewerblichen Zwecken. Zünfte und Geſellſchaften waren ausſchließlich die politiſch berechtigten Klaſſen in der Bevölkerung.

Den dritten Beſtandteil bildeten die ſehr zahlreichen Unzünftigen, die von jeder Teilnahme an den Regierungsgeſchäften ausgeſchloſſen waren.

Die politiſche Sonderung war zugleich eine religiöſe; die Herrſchaft lag ausſchließlich in den Händen der Lutheraner. Am meiſten hatten unter der religiöſen Unduldſamkeit die glaubensverwandten Reformierten, ſowohl deutſcher als niederländiſcher Abkunft, zu leiden. Nur nach ſchweren Kämpfen war ihnen das Recht der Niederlaſſung in der Stadt bewilligt worden, aber mit aller Entſchiedenheit hatte man ihnen den Bau von Kirchen verweigert, ſo daß ſie ihre Andachten außerhalb der Stadt in benachbarten Orten verrichten mußten. Die katholiſche Bevölkerung hatte zwar ihre Kirchen in der Stadt, wie ſie überhaupt in der Ausübung

*) Beide Namen ſtammen von den Häuſern auf dem Römerberg, wo dieſe Geſellſchaften urſprünglich ihre Trinkſtuben hatten.