Aufsatz 
Henricus Petreus Herdesianus und die Frankfurter Lehrpläne nebst Schulordnungen von 1579 und 1599. Eine kulturhistorische Studie
Entstehung
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VI

Der Notwendigkeit, für eine im Rahmen derMonumenta Germaniae Paedagogica geplante, umfassende Schul- und Erziehungsgeschichte von Frankfurt a. M., solche Zeit- abschnitte zu durchforschen, an denen bisher die Freunde der Frankfurter Bildungsgeschichte vorübergegangen waren, verdankt die nachfolgende Monographie ihre Entstehung, die den Faden der Erzählung aufnehmen soll, den Steitz mit dem Schlusse seines Aufsatzes über Cnipius hatte fallen lassen, und ihn weiterspinnen will bis zu dem Zeitpunkt, an dem K. Reinhardt in seinen Ausführungen über das Rektorat des Cravelius, des unwürdigen Vor- gängers des Reorganisators Hirtzwig, den Spaten wieder eingesetzt hat.

Diese vier Dezennien geistigen Lebens in unserer Stadt weisen die Gestalt eines als Typus seiner Zeitgenossen der Betrachtung werten Schulmannes auf, dessen Bedeutung für die Geschichte des gelehrten Unterrichtes sich nicht auf die kurze Dauer seiner Wirksamkeit an der FrankfurterBarfüsserschule beschränkt, der seine im Dienste der süddeutschen Reichsstadt gesammelte Erfahrung dem norddeutschen Schulwesen als Begründer und Orga- nisator humanistischer Bildungsanstalten zu gute kommen ließ, der sich als Biograph und Freund des großen Frankfurter Staatsmannes und Gesetzgebers Johann Fichard in der Lokal- geschichte, als vielseitiger Gelehrter und gewandter lateinischer Dichter in der Litteratur- geschichte einen Platz erobert, durch seine theologische Richtung in der Kirchenhistorie, durch seine einzigartigen Bücherschätze in der Bibliothekswissenschaft dauernd bemerkbar gemacht hat.

Um Henricus Petreus Herdesianus als Mittelpunkt gruppieren sich am besten die Mitteilungen, die auf diesen Blättern aus der Geschichte des am 14. September 1520 be- gründeten Frankfurter Gymnasiums über die Zeit von etwa 1560 bis 1600 auf Grund vor- wiegend archivalischer Studien ²) geboten werden sollen.

II. zur Geschichte der Barfüsserschule vor dem Rektorate des Petreus.

A. Homberger und das Schuldrama.

Zwölf Jahre lang, von 1550 bis 1562, hatte der einem gesunden pädagogischen Optimismus huldigende Magister Johannes OCnipius Andronicus die Lateinschulezu den Barfüssern ³) im wesentlichen nach Micyllus' Lehrplan von 1537 geleitet. Als theolo-

²) Herrn Stadtarchivar Dr. R. Jung fühle ich mich für gütige Unterstützung und mancherlei Nach- weisungen zu lebhaftem Dank verpflichtet. Benutzt sind von den Beständen des Stadtarchivs I insbesondere: 1. Die einschlägigen Jahrgänge derBürgermeisterbücher(B. B.) undRathsprotokolle.(R. P.) Die systematische Durcharbeitung der einzelnen Jahrgänge ist bei der Knappheit, auch Unzuverlässigkeit der Register unerläßlich. 2. Acta, das Religions- und Kirchenwesen betr.(Ecclesiastica), bes. Tom. IV. 3.Uffenbachiana. 4.Dienstbriefe der Rektoren u. s. f. 5. Varia. Die aus dem Archiv des Predigerministeriums benutzten Akten werden be- sonders erwähnt.

DieOrthographie der Zeit ist in der Hauptsache getreu wiedergegeben, doch habe ich u. a. die übliche Verdoppelung der Schlußkonsonanten meist vereinfacht.

³) Diese Bezeichnung führte die Schule, weil sie seit 1529 in den nach dem Glaubenswechsel der Mönche dem Rat zum Eigentum überlassenen Klosterräumen der 1270 urkundlich zum ersten Male in Frankfurt erwähnten Barfüsser(Franziskaner, Minoriten, daher auchschola Franciscanaad minores) untergebracht war. Sie lag am heutigen Paulsplatz, an der Stelle der alten Börse, gegenüber der Barfüsserkirche(nachmaligen Paulskirche, in der 1848 der Versuch zur Reichsgründung gemacht wurde), im Mittelpunkte des damaligen Verkehrs. Vgl. Wolff und Jung, die Baudenkmäler in Frankfurt a. M. I.(1896) S. 274 ff.