Aufsatz 
Elternhaus und Schule / von Wilhelm Karl Lex
Entstehung
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vorzugsweise ins Auge zu fassen, wird aber von vielen Eltern, die selbst von diesen Krank- heiten der Zeit im Allgemeinen mehr als die Schulen angesteckt sind, oft ganz vernachlässigt Sie übertragen jene sogar häufig unwillkührlich oder absichtlich auf ihre Kinder, oder sind, wenn sie das Bessere auch erkennen, und wissen, was gethan oder verhütet werden muss, oft so schwach, sich damit zu entschuldigen, dass man gegen den Strom nicht schwimmen könne.

Unser Familienleben ist allerdings nicht mehr wie früher ein in und für sich abge- schlossenes und sich daher selbst genügendes; es ist jezt eine viel grössere und allgemeinere Geselligkeit durchgängig Bedürfniss: aber gerade darin liegt eine um so grössere Aufforde- rung, die Erziehung jetzt viel sorgfältiger zu leiten als sonst, wenn das Gepräge des Cha- rakters bei dem Eintritt in das Leben durch die vielfachen, verschiedenartigen Berührungen nicht ganz verwischt werden soll. Die meisten Eltern sind jedoch nicht stark genug, sich eine Beschränkung in den von allen Seiten gebotenen, geselligen Vergnügungen aufzuerlegen, und opfern leichtsinnig für eingebildete, häufig mit nicht unbedeutenden Kosten verbundene Genüsse die reineren und edleren Freuden, welche sie zum Wohl und Frommen ihrer Kinder in dem Zusammenleben mit ihnen und aus dem Beobachten des Entwickelungsganges ihres gesammten Seelenlebens schöpfen könnten. Daher wird die häusliche Erziehung immer unvollständiger und lückenhafter. Ja, es gab einmal eine Zeit, in der die Väter und die Mütter im eigentlichen Sinne Familien-Väter und Familien-Mütter waren. Nach beendigten Geschäften lebte der Vater im Kreise der Seinen, beachtete das Leben und Treiben seiner Kinder, hielt es für sein grösstes Glück, seine Freuden mit ihnen zu theilen und überall als Führer und Berather nicht nur in ihren ernsten, auf das Leben berechneten Beschäftigungen einzugreifen und darauf einzuwirken, sondern auch selbst ihre kindlichen Spiele zu leiten oder mit ihnen zu theilen. Die Mutter, die in des Vaters Abwesenheit der Kinder eigentliche Erzieherin war und zugleich des Hauses Ordnung überwachte, so wie mit emsigem Fleisse für das körperliche Wohl der Ihrigen zu sorgen hatte, stand ihm darin mit mütterlichem Ernste, mit sorgsamer Treue und Aufopferung zur Seite. So bildete schon der Eltern Vor- bild und wirkte segensreich auf der Kinder Gemüth und Thun ein. Diese goldene Zeil ist aber aus gar manchen Familien gewichen; kaum noch lebt in ihnen ein Anklang fort an ihrer Vorfahren Einfachheit. Oft kümmern sich weder Vater noch Mutter um das sittliche Wohl ihrer Kinder. Wenn auch der Vater, den sein Geschäft den ganzen Tag in Anspruch nimmt, einige wenige Mittag- und Abendstunden im Kreise der Seinen verlebt, so fehlt es ihm an Lust, der Kleinen Geschrei anzuhören und ihre Streitigkeiten zu schlichten, oder mit ihnen zu tändlen und zu scherzen und sich ihrer geistigen Entwickelung anzunehmen. Er sucht vielmehr Erholung von seinen Geschäften, aber nicht in der Familie, sondern im Kasino, im Weinhause, beim Spiel, bei Zeitungen u. s. w., überall, nur nicht, wo es sein sollte, in dem Familienleben. Solche Väter haben natürlich keine Zeit, sich mit ihren Kindern zu be-