Elternhaus und Schule.
Wenn Unterricht und Erziehung bei dem Schüler den erwünschten Erfolg nicht haben, wird in der Regel die Schuld davon der Schule beigemessen, und doch wirkt ausser ihr eine Menge anderer Umstände, zum Theil sehr gewichtiger Art, bei dem Bildungsprozesse des heranwachsenden Geschlechtes mit, es üben Naturanlagen, äussere Verhältnisse und Schick- sale, vor Allem aber das elterliche Haus einen so überwiegenden Einfluss auf die körperliche und geistige Entwickelung, auf Kenntnisse, Sitten und Gewohnheiten und den ganzen Charakter des Menschen aus, dass man die Schule allein dafür nicht verantwortlich machen kann. Die Eltern, die sie so gerne anklagen, wenn die Erziehung nicht gedeiht, was seinen Grund gar oft in der Behandlung des Kindes schon vor seinem Schulbesuch hat, sollen sich nur selbst einmal gewissenhaft die Frage beantworten, was sie denn bisher bei ihrem Kinde ausgerichtet haben, und sie werden in ihrem früheren, strengen Urtheil vielleicht nachsichtiger werden. Sie sollen sich einmal fragen, ob sie in der Erziehung ihrer Kinder immer Hand in Hand mit der Schule gegangen sind, ob sie diese, so viel in ihren Kräften stand, unterstützt, ihr nicht zuweilen gar entgegengehandelt haben. Wenn in der Erziehung die Eltern nicht übereinstimmend mit den Lehrern wirken, so ist der Einfluss der Schule auf sittliche und intellektuelle Ausbildung sehr gering; denn das Elternhaus, das Familienleben hat einen so wichtigen Antheil an der Jugendbildung, dass das Gelingen oder Misslingen aller Bestrebungen der Schule grösstentheils von ihm abhängt. Dasselbe kann die Schulzwecke ebenso unter- stützen und fördern, wie ihnen hindernd entgegenwirken und sie ganz vereitlen. Nur volle Uebereinstimmung und gegenseitiges Vertrauen zwischen Schule und Haus lassen einen guten Erfolg erwarten.
Da aber Familie und Schule, als Schöpfungen ihrer Zeit, an allen den Uebeln leiden, die unser ganzes Leben ergriffen haben, so können beide diesen auch nicht auf ein Mal ab- helfen und plötzlich eine völlige Umgestaltung hervorrufen; wir müssen vielmehr zunächst die Krankheiten der Gegenwart zu erkennen suchen, um ihnen mit Erfolg entgegentreten und sie schon im Entstehen unterdrücken zu können. Diess ist bei der Erziehung unserer Jugend
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