Aufsatz 
Welche Stelle ist dem Unterrichte in der Muttersprache auf den deutschen Gymnasien einzuräumen? / von Wilhelm Karl Lex
Entstehung
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Sprache nicht selbst Zweck ist, und das soll kein Lehrstoff in unsern Gymnasien sein, da verdientsie keinen Vorzug vor den Denkübungen in der Muttersprache. Wie peinlich oft die fremde Sprache den Schüler beengt, schen wir am Deutlichsten, wenn er in ihr seine Gedanken mündlich oder schriftlich ansdrücken soll. Ee verstummt oſt, nicht weil er die Sache nicht weiss, sondern weil ihm Worte und Sprachregeln fehlen; oder wenn er spricht, treibt er sich häufig auf Gemeinplätzen kerum, weil er die einzelnen Schat- tirungen seiner individuellen Gedanken in der fremden Sprache nicht wie- dergeben kann*). Lateinisch sprechen und schreiben können, darf daher nichit, wie es früher geschah, zum alleinigen Massstabe der formalen Bildung ſgenommen werden..

Anders verhält es sich in der Muttersprache. Hier darf der Lehrer die häuſig vorgebrachte Entschuldigung des Schülers:»Ich weiss es, ich kann mich aber nicht ausdrücken« nie gelten lassen. Hat der Schüler wirklich gedacht und folgt er nicht verworrenen, undeutlichen Begriffen, die er nieht gehörig unterscheidet, oder einem blosen Gefühle; so hat er auch in Wor- ten gedacht, die ihm nie zur Bezeichnung seiner Gedanken fehlen werden.

Wenn Grammatik, Rhetorik und Poëtik in der deutschen Sprache auf eine zweckmässige Art behandelt werden, so liefern sie für den Jugendun- terricht einen unerschöpflichen Stoff zur Geistesgymnastik, zumal da sie eine solche philosophische Behandlung von Seiten des Lehrers zulassen, als der jedesmaligen Auffassungskraft des Schülers angemessen ist. Es wäre dabei sehr auffallend, wenn die deutsche Erklärung der Reg geln aus der Gramma-

tik, dem guten Style nnd der Dichtkunst an einheimischen Werken für uns nicht denselben Nutzen haben sollte, als wenn sie an Griechen und Römern

*) Wie Joh. IIeinr. Voss darüber dachte, geht aus den Nachrichten über ihn als Schulmann von seinem Freund und Schüler Wolf hervor(Briefe von Joh. IHIeinr. Voss nebst erläu ternden Beilagen von Ahraham Voss 5. B.).»Er liehte nicht Lateinsprechen und glaubte, das gute Lateinschreiben habe nur Männern früherer Zeiten gelingen können, die bei der geringen Ausbildung ihrer Landessprachen die lateinische als ihre Mnttersprache bo trachtet hätten; jeder könne nur in der Sprache denken, in welcher ihm von Kindheit auf die Gegenstände bezeichnet und die Begriffe entwickelt wären.

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