Aufsatz 
Welche Stelle ist dem Unterrichte in der Muttersprache auf den deutschen Gymnasien einzuräumen? / von Wilhelm Karl Lex
Entstehung
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als wer die Sprache nur zur formalen Bildung erlernt hat. Ausserdem finden wir in jedem neuern, guten, wissenschaftlichen Werke das Höchste, was uns das Alterthum, auf dessen Schultern wir stehen, bieten kann. Denn wenn auch Griechen und Römer es in der Form der Darstellung zu einer noch immer als Muster geltenden und selten erreichten Vollkommenheit gebracht haben, die nur von dem ganz erkannt wird, der ihrer Sprache völlig mäch- tig ist, so sind sie doch für die Wissenschaft schon lange ausgebeutet.

Fragen wir nach dem Erfolg, den der griechische und lateinische Un- terricht für die Vermehrung unserer Renntnisse aus den alten RKlassikern hat, so werden sich ausser denen, welche Philologie studirt haben, nicht Viele ſinden, die auch nur den hundertsten Theil der Werke, welche wir von den Alten noch besitzen, in der Ursprache gelesen haben. Die Meisten sind auf das Wenige beschränkt geblieben, was während ihrer Unterrichtszeit auf der Schule von dem Lehrer durchgefrangen und erklärt worden ist. Höch- stens lesen sie noch neulateinische Werke, welche ihnen in ihrem Geschäfts. leben nöthig sind und wahrhaftig selten Gelegenheit bieten werden, die an den Alten gepriesene Vollkommenheit des Styls zu bewundern. In der Mut- tersprache abgefasst, würden ihnen diese Sehriften durch leichteres und rich- tigeres Verstehen gewiss mehr Nutzen gewähren. 8

In dem Vorstehenden glaube ich hinlänglich gezeigt zu haben, dass die Bedingungen, welche früher das Griechische und Lateinische zum ein- zigen sprachlichen Bildungsstoff in unsere Gelehrtenschulen eingeführt und solange darin als solchen erhalten haben, nicht mehr statt finden; es bleibt nun noch näher zu begründen, dass unsere Muttersprache zur Jugendhildung ebenso Drauchbaren Stoff, als jene, darbiete.

Die Vollkommenheit einer jeden Sprache bestehet in ihrem Reichthume, ihrer Bestimmtheit und ihrer Schönheit, Eigenschaften die sich in unserer Muttersprache in einem hohen Grade vereint finden. Sie gehört zu den reichsten Sprachen auf der Erde*) und enthält daher die Bezeichnung einer

*) Reinkold und Georg Forster zählten in der franaösischen Sprache 28,000 in der deutschen 80,000 Wärter(J. G. Müller über Stud. d. Wiss.). Seitdem hat Campe