Aufsatz 
Festschrift der Oberrealschule zu Gießen 1837-1937 / Hrsg. von Hugo Leonhardt und seinen Mitarbeitern
Entstehung
Einzelbild herunterladen

ſtellung des Zeugniſſes, das die wiſſenſchaftliche Befähigung zum einjährig⸗freiwilligen Dienſt verlieh. Ohne finanzielle Opfer war dieſes Recht nicht zu erlangen, denn die Erweiterung um zwei Klaſſen erforderte eine beträchtliche Vermehrung der Lehrkräfte. Im Juni 1807 richtete Direktor Weigand eine Vorſtellung an das Miniſterium, in der die Zulaſſung der Schüler unſerer Realſchule zum einjährigen Militärdienſt nachgeſucht, zugleich aber ſchon der weitere Ausbau zur Realſchule 1. Ordnung, zum heutigen Realgumnaſium, ins Auge gefaßt wurde. Er ging von dem Gedanken aus, daß das Bedürfnis nach einer durchgreifenden Almgeſtaltung der 4klaſſigen Realſchule infolge des unaufhaltſamen Aufſchwunges von Induſtrie und Handel und des wachſenden Bildungsbedürfniſſes des Bürgerſtandes nicht länger hinausgeſchoben werden könne, daß zudem die Frage der Zulaſſung zum einjährigen Dienſt dieſe Almgeſtaltung gebieteriſch fordere. Er weiſt darauf hin, daß die Realſchulen, die im Gegenſatz zu dem alten Gumnaſium ihren Zöglingen bisher keinerlei beſtimmte vorteile bieten konnten, infolgedeſſen ihre Schüler meiſt nicht bis zum vollendeten Kurſe(bis zum erfolgreichen Beſuch der 1. Klaſſe) feſſeln konnten, obwohl ſie als Vorbildoungsſchulen für die techniſchen, mathematiſchen und naturwiſſenſchaftlichen Studien ebenſo unent⸗ behrlich ſeien, wie die Gumnaſien für die zukünftigen Philologen, Zuriſten und Theologen. Bei dem ſtetig wachſenden Almfang aller Wiſſenſchaften ſei eine Arbeitsteilung ſchon auf der Schule unab⸗ weisbar geworden. Die Vorbildung der künftigen Architekten, Kame⸗ raliſten, Forſtleute, Zoll⸗, Eiſenbahn⸗ und Poſtbeamten uſw. müſſe den Realſchulen überlaſſen werden.- Der Stadtvorſtand verſchloß ſich dieſen oͤurchſchlagenden Gründen nicht, ſondern gelangte zur Aberzeugung,„daß die Neuorganiſation der Realſchule ein unab⸗ weisbares Gebot der Zeit ſei, daß mit allen Mitteln dahin zu wirken ſei, daß eine dem heutigen Bedürfnis entſprechende Abildung der Schule eintrete“(Bürgermeiſter Vogt, 18. Januar 1868).

Die finanzielle Frage wurde ohne Schwierigkeit gelöſt, ſo daß die Staatsbehörde den Ausbau der Anſtalt genehmigte. Nachdem die Schule bereits im Schuljahr 1868/60 5 Realſchul⸗ und 2 Vorſchul⸗ klaſſen umfaßt hatte, trat ſie in das Schuljahr 1860/70 als vollſtändig ausgebaute Oklaſſige Realſchule zweiter Oroͤnung mit Vorſchule. Am 927. Oktober 1868 wurde ihr die Berechtigung zuerkannt, gültige Zeugniſſe über die wiſſenſchaftliche Befähigung zum einjährig⸗frei⸗

18