Gallicismen in niederrheinischen Mundarten. I.
Der weitaus gröfste Teil der in niederrheinischen Mundarten sich vorfindenden Gallicismen verdankt seine Einbürgerung wohl der französischen Fremdherrschaft zu Anfang unseres Jahrhunderts, doch wird man auf diesem Dialektgebiete französische Einwirkungen auch in viel früherer Zeit nicht leugnen können, wenn man sich die mannigfachen Beziehungen des Bergischen Landes zu Frankreich und dem Wallonenlande vergegenwärtigt..
Schon Adolf V., Graf von Berg, soll um das Jahr 1284 gegen 200 Familien(vor- Die ersten wiegend Tuchmacher und Eisenarbeiter) von den Ufern der Sambre in sein Land aufgenommen franz. und in Lennep, Wermelskirchen, Burg, Remscheid, Solingen, Kronenberg Kolonisten. u. a. O. angesiedelt haben. Vielleicht aber gehört diese Überlieferung in das Gebiet der Sage. Genaueres dagegen wird uns berichtet über die Einwanderungen aus Frankreich ver- triebener Protestanten im Reformationszeitalter.
. Im Jahre 1545 nahm Herzog Wilhelm III. von Jülich-Cleve-Berg die ersten französisch- Ein- wallonischen Flüchtlinge, 61 an der Zahl, mit einem Prediger in Wesel auf. Die ersehnte wanderungen Religionsfreiheit wurde ihnen gewährt, auch das Betreiben„bürgerlicher Handthierung“ vertriebener Protestanten gestattet. Um dieselbe Zeit begannen die französischen Einwanderungen in Aachen, wo der Pnn Rat den Fremden nicht nur ihre Reisekosten vergütete, sondern ihnen auch Wohnungen Reformations- unentgeltlich einräumte. Während der nächsten Jahre veranlafsten die Religionskriege und eeitalter. die damit verbundenen grausamen Verfolgungen der Protestanten immer zahlreichere Aus- wanderungen aus Frankreich, Brabant und den Niederlanden. Trotz der Drohungen des Kaisers,„alle Aufnahme und Duldung der Entwichenen zu strafen“, ¹) fanden viele von diesen Vertriebenen Aufnahme in den herzoglichen Landen.
In Wesel entstanden im Anfange der fünfziger Jahre Streitigkeiten über gewisse religiöse Gebräuche.²) Da zwischen Fremden und Einheimischen eine Einigung nicht zu erzielen war, und einzelne Wallonen bereits die Stadt hatten verlassen müssen, so wandte man sich an Melanchthon, welcher dann auch die Bewohner von Wesel ermahnte, Frieden zu halten, nachdem den Eingewanderten einmal die freie Religionsübung gestattet sei. In dem Gutachten heiſst es:„Unterdessen könnte diesen elenden Flüchtlingen ein absonderliches Ministerium oder Predigtamt in ihrer Sprache verstattet werden.“ Auch Calvin und die Genfer Theologen rieten:„lieber die Ceremonien zu entbehren, als Unruhe und Zwistigkeiten dadurch hervorzurufen.“ Aus dem ganzen Verlaufe der Streitigkeiten ergiebt sich, dals die französische Gemeinde damals schon recht zahlreich gewesen sein muſs. Von einem eigentlichen Vergleiche
) Berg, Reformationsgeschichte der Lünder Jülich, Gleve, Berg, Mark, Ravensberg und Lippe. Hamm 1826 p. 103. Vel. auch: Zeitschrift d. Berg.-Gesch.-Ver. 4, 175, wo das kaiserliche Mandat abgedruckt ist. ²) Nüheres bei Krafft, Zur rinnerung an Nicolaus Buscoducensis, Z. d. B.-G.-V. 26, 217 ff.
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