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ſchriebene Zeit hinaus erſtreckten, ſo waren nach Vorſchrift an zwei Mittwochnachmittagen die am Sonnabend den 5. Januar ausfallenden 4 Stunden nachzuholen. Dieſes geſchah zunächſt am Mittwoch den 11. Januar von 2—4 Uhr; die anderen beiden Unterrichtsſtunden ſollten am 18. Januar nachgehalten werden. Doch wurde dieſer Nachmittag den Schülern zur Benutzung der Eisbahn freigegeben, wie in jedem Jahre an einem Nachmittag zur Beluſtigung auf dem Eiſe der Unterricht ausgeſetzt wurde.
In den Ferien übernahm es wie bisher der Unterzeichnete, von dem Collegen Hölzer⸗ kopf bereitwillig unterſtützt, die rechtzeitige Anfertigung der Ferienarbeiten zu controllieren.
Am 14. Juni wurde der alljährlich ausgeführte Spaziergang unternommen und zwar gingen III und IV unter Führung der Herren Dr. Schäfer und Haaſe nach Gladenbach und Fron⸗ hauſen; V und VI gingen in Begleitung der Herren Leimbach und Böhmel nach Rauſchenberg und Kirchhain. Beide Ausflüge entſprachen den gehegten freudigen Erwartungen der Schüler. Da einige Lehrer beabſichtigten, die Verſammlung der Lehrer der höheren Lehranſtalten der Provinz Heſſen⸗Naſſau, welche in dieſem Jahre am Mittwoch nach Pfingſten in Hanau abgehalten wurde, zu beſuchen, und an demſelben Tage viele Schüler der Secunda und Tertia in Begleitung des Herrn Zeichenlehrers Schürmann und des Unterzeichneten die Ausſtellung zu Frankfurt beſuchen wollten, ſo fiel der Unterricht an dieſem Tage aus. Wenn auch das Wetter an dieſem Tage manches zu wünſchen übrig ließ, ſo hatten die Schüler doch immer recht reichen Genuß an den vielen Sehenswürdigkeiten, welche ihnen der Tag bot. Bald nach der Ankunft wurden die reichen Kunſtſchätze des Städelſchen Inſtituts betrachtet; hierauf der Römer mit dem Kaiſer⸗ ſaal; ſodann das Panorama, welches bekanntlich die Schlacht bei Sedan in unübertrefflicher Dar⸗ ſtellung zur lebendigen Anſchauung bringt. Bei dieſem Wege durch einen großen Teil der Stadt wurden die Schüler auf die merkwürdigen und prachtvollen Bauwerke aus alter und neuer Zeit aufmerkſam gemacht. Gegen 2 Uhr gelangte man in der Ausſtellung an, welche bis gegen 6 Uhr, ſo weit thunlich, in ihren wichtigſten Teilen beſichtigt wurde. Zum Schluſſe des Tages, welcher des Intereſſanten und Neuen ſo viel brachte, wurde das prächtige Opernhaus beſucht, in welchem eine berühmte Oper gegeben wurde. Am ſpäten Abend fuhren wir wieder nach Marburg zurück, vollkommen befriedigt von den mannigfachen Eindrücken und mit der Ueberzeugung, daß es wohl kaum möglich geweſen ſein dürfte, in ſo kurzer Zeit und für ſo wenig Mittel den Anſchauungskreis mehr zu erweitern und zu vervollkommnen.
Die im Laufe des Schuljahrs vorgekommenen Schulactus waren dieſelben, wie ſeit dem letzten Decennium. Der nunmehr zu einem nationalen Gedenktage gewordene 2. September wurde in herkömmlicher Weiſe gefeiert. An demſelben hielt, wie es ſeither geſchehen, der Unterzeichnete die Feſtrede, in welcher er aus den ſchon im vorigen Programm angegebenen Gründen eine kurze Darſtellung des zweiten Teils des deutſch⸗franzöſiſchen Krieges von Sedan bis zum Friedensſchluß auf Grund des Generalſtabswerkes gab. In gleicher Weiſe fand am 22. März die Feier des höchſterfreulichen Geburtstags unſeres allgeliebten Kaiſers und Königs Wilhelm I. ſtatt, bei welcher Herr College Böhmel die Feſtrede hielt und über pädagogiſche Anſchauungen Fichtes ſprach. Bei beiden Feſtactus wechſelten patriotiſche Geſänge mit Declamation ſolcher Gedichte, welche zur Feier des Tages in Beziehung ſtanden, in bisher üblicher Weiſe ab.
Da es nicht gut thunlich iſt, den Schülern in den für deutſchen Unterricht in Secunda ange⸗ ſetzten Lehrſtunden eine Kenntnis unſerer Klaſſiker in wünſchenswerter Vollſtändigkeit zu vermitteln, ſo war Herr College Leimbach ſo freundlich und las Sonnabends von 6—7 Uhr abends mit den Schülern der oberſten Klaſſe einige klaſſiſche Stücke, an welche er dann die erforderlichen Erläu⸗ terungen über Form und Inhalt anſchloß.
Um unſeren Schülern eine Kenntnis der ſchönſten Schriftwerke des klaſſiſchen Altertums zu ermöglichen, wurde in paſſender Zeit in Tertia in der deutſchen Stunde die Odyſſee von Voß geleſen. Zu demſelben Zweck ließ der Unterzeichnete in Secunda im verfloſſenen Schuljahre „König Oedipus auf Kolonos“ von Sophokles, die„Sieben vor Theben“ von Aeſchylos und „Antigone“ von Sophokles in guter Ueberſetzung leſen und fügte die zum Verſtändnis nötigen
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