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IV. Mathematiſt und Aſtronomie.
In dieſem Zweig darf man die Werke Gerberts von Rheims als vorhanden annehmen, ſowie die Werke der oben angeführten mathematiſchen Schriftſteller; daß die Schriften der Lütticher Gelehrten überhaupt den bezüglichen Kloſterbibliotheken einverleibt wurden ¹), unterliegt wohl keinem
weifel. 3 Wenn man der Bemerkung von Arp beiſtimmen darf, daß der St. Galler Bücherkatalog vom Ende des 9. Jahrhunderts diejenigen Bücher enthalte, welche damals in den beſten Bibliotheken Deutſchlands anzutreffen waren, ſo wird es erlaubt ſein auf dieſen Katalog als Ergänzung zu den oben angeführten Werken hinzuweiſen ²)
Kirchliche Richtung, Stellung zum Laufranc-Berengariſchen Abendmahlsſtreit.
In Bezug auf Andersdenkende begegnet man in Lüttich in dieſem Jahrhundert einer wohl⸗ thuenden Toleranz, ein ehrendes Zeugnis zugleich für die Bildung, welche dort herrſchte.
Als Wazo einſt von dem Biſchof von Chalons um Rath gefragt wurde, wie er ſich gegen die Manichäͤer in ſeiner Dioceſe verhalten ſolle, räth er dieſem in einem langen Antwortſchreiben mit Hinweiſung auf das Beiſpiel Chriſti und das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen von Gewaltmaßregeln und Leibesſtrafen ab ³)..
Dieſe milde Anſchauung ihres Biſchofs und Lehrers vertraten auch ſeine Schüler. Als der Domherr Anſelm, der Biograph Wazo's und Fortſetzer Herigers, vernommen hatte, daß in Goslar einige Ketzer hingerichtet worden waren aus keinem andern Grunde, als weil ſie ſich geweigert hatten auf Befehl des Biſchofs ein Huhn zu ſchlachten, da weiſt er auf das Beiſpiel des verſtorbenen Wao in und fügt hinzu, daß ein ſolches Verfahren gegen Ketzer in der hl. Schrift nirgends ge⸗
oten ſei ⁴).
Aus einer anderen Quelle erfahren wir¹), daß die Lütticher Archidiakonen die Excommuni⸗ cirten mit den Gläubigen auf demſelben Kirchhof beerdigt hätten. Wenn der Berichterſtatter hin⸗ zufügt, es ſei aus Liebe zum Gelde oder aus Rückſicht auf Freunde und Verwandte geſchehen, ſo iſt das ſeine kleinliche Auffaſſung; wo aber ſo milde Praxis herrſchte, kann auch in der Schule kein engherziger Fanatismus gepredigt worden ſein.
Im Berengarſchen Abendmahlsſtreit, der in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts die Kirche ſo gewaltig bewegte, fand Berengars Anſicht großen Anhang in den Lütticher Schulen. Seine Lehre war im Weſentlichen eine Wiederholung der Abendmahlslehre des Johann Scotus und des Ratram⸗ nus, welche beide eine geiſtige Gegenwart Chriſti im Abendmahl feſthielten und die Transſubſtan⸗ tiationslehre des Paſchaſius Radbertus verwarfen z Berengar fügte noch den Glauben des Genießen⸗ den als Bedingung der Gegenwart Chriſti hinzu 9).
Schon Heriger von Lobach hatte in einer beſondern Schrift gegen Paſchaſius Radbertus die Transſubſtantationslehre verworfen. Daß ſeine Schüler die Anſicht ihres Lehrers theilten, iſt nicht unwahrſcheinlich. Hinſichtlich Wazo's, der aus Herigers Schule hervorgegangen, findet man dieſe Annahme beſtätigt ⁷)..„.
War aber die geiſtige Auffaſſung eines Johann Scotus ſchon vorher die herrſchende geweſen, ſo kann der große Anhang, welchen die durch Berengar nur etwas modificirte Lehre fand, nicht befremden.
4 Mit großer Bitterkeit gedenkt Gozechin in ſeinem Briefe an ſeinen Schüler Walcher in Lüttich der Apoſtel des Satanas(Berengar) aus dem neuen Babylon(Tours), denen alle zuſtroͤmten; es ſei faſt niemand mehr, welcher dagegen auftrete; die alte Lehre zu vertheidigen hieße tauben Ohren predigen und in die Dornen ſäen, daher ſei es beſſer ſich vom Lehramt zurückzuziehen, ſo hätten es außer ihm auch gemacht Herrmann in Rheims, Drogo in Paris, Huorimann in Speier, Mein⸗ hard in Bamberg und viele andere*).
1) S. 7,201,23.— 2) cf. Weidmann Geſchichte der Bibliothek von St. Gallen S. 364— 400.— 3) 8. 7227,69. 4) S. 7,228,6. 2 5) S. 7,474,28.— 6) Kurz mittl. 4het uig. 196.— 7) Ein Schüler von ihm Canonicus in Tours, war einer von den beiden Vertheidigern Berengars auf dem Concil zu Vercelli 1 Gfrör Kirchgeſch. IV. 1,543.— 8) M. 443 und 444.
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