Vorbemerkung.
In der Nibelungensage oder, genauer bezeichnet, der Sage von den Wölsungen und Nibelungen haben wir zwei scharf zu scheidende Bestandteile ins Auge zu fassen, um sie sodann zu einer höheren Einheit mit einander zu verbinden. Der erste, vorzugsweise mythische, mit Sigfrids Er- mordung und Braunhilds Sühnetod abschließende Teil ist es, dem Richard Wagner in genialer Auffassung eine neue Grundlage gegeben, ohne indessen bei allem Reichtum der Erfindung, aller Pracht und Hoheit der poetischen, scenischen und musikalischen Mittel eine volle Befriedigung in der Gesamtwirkung des Sagengehaltes erzielen zu können. Der zweite, in das Gebiet der Geschichte hinüberragende Teil, der Krimhilds Rache zum Gegenstand hat, konnte weder im heidnisch-ger- manischen Altertum, noch unter den von den Strahlen des Christentums erleuchteten, aber in ein- seitigen Aspirationen befangenen Anschauungen des späteren Mittelalters, noch unter den unmittel- baren Einwirkungen des Klassicismus und der Romantik einen vollständig versöhnenden Abschluß erlangen. Und wenn Goethe von dem Nibelungenliede gesagt hat, daß die Kenntnis dieses Gedichtes zu einer Bildungsstufe der Nation gehöre, so ist meines Erachtens diese Stufe erst erstiegen, seit- dem Wilhelm Jordan, mit dem ganzen Rüstzeug wissenschaftlicher Forschung ausgerüstet, ‚in Sigfridsage und Hildebrands Heimkehr die heilige Halle des Heldenruhmes aus verwitterten Resten wieder gewölbt hat zum zeitendurchdauernden doppelten Dom“.— Nicht als ob das Werk durch die Rhapsodenreisen des Dichters und die 12, bezw. 7 Auflagen, die es erlebt hat, nun auch wirklich Gemeingut des deutschen Volkes geworden wäre. Aber wie ,die grössere Fackel des Dichterschauens“ an dem bescheideneren Grubenlämpchen der Forschung angefacht worden war, so wirkten gewiß die hohen Gedanken, die durch Wagner für den ersten Teil und durch Jordan für das Gesamt- gebiet der Sage in das uralte Erbe der Nation hineingetragen oder aus demselben herausgebildet worden waren, auch wieder befruchtend zurück auf die wissenschaftliche Forschung. Und beiden, der Forschung wie der Dichtung, folgt der beschauende Sinn derer, die in gemeinverständlicher Darstellung den geistigen Gewinn der geteilten Arbeit auch in weitere Kreise hineinzutragen
versuchen.*)
*) Neben den bekannteren Schriften von Wolzogen, Koch, Herz etc. sind hier besonders zwei sehr wert- volle Programmarbeiten aus den letzten 10 Jahren zu nennen:
1) Rehorn, Die Nibelungen in der deutschen Poesie(Programm der Musterschule zu Frankfurt a. M. 1876. 53 S. 4⁰), seitdem in etwas erweiterter Gestalt als Buch erschienen(Frankfurt a. M. 1877. 229 S. 8⁰), und
2) Stein, Die Nibelungen im deutschen Trauerspiel(Programm der Gewerbeschule zu Mülhausen i. E. 1882 und 1883. 43 und 44 S. 40⁰).
Auch die neuesten Schulausgaben des Nibelungenliedes von H. Kamp(Berlin 1885) und L. Freytag (2. Aufl. Berlin 1886) sind rühmend zu erwähnen.— Ansprechende Darstellungen des Sagenstoffes finden sich in „Walhall' von F. und Th. Dahn, Nordisch-germanische Vorzeit' von Wägner(allzu sehr mit eigenen Zuthaten versetzt, besser in der Bearbeitung von Nover) und besonders in ‚Die Nibelungensage“ von K. H. Keck(2. Teil der deutschen Heldensagen. Leipzig 1877.)
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