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Mann ein Wort! Wie ſoll das aber zur Wahrheit werden, wenn das Wort mehrdeutig iſt? Mit Recht ſagt Goethe an der genannten Stelle ſeines Wilhelm Meiſter:„O, die Ausbildung einer Nation iſt zu beneiden, die ſo feine Schattierungen in einem Worte auszudrücken weiß! Fran⸗ zöſiſch iſt ſo recht die Sprache der Welt, wert die allgemeine zu ſein, damit ſie ſich nur alle unter einander recht betrügen und belügen können.“
Noch verwerflicher iſt es Fremdwörter zu gebrauchen, für welche gangbare deutſche vor⸗ handen ſind, die jeder kennt, und die ganz genau dasſelbe beſagen— für deren Gebrauch alſo auch nicht die geringſte Entſchuldigung vorliegt. Denn begehen wir nicht mit jedem entbehrlich en Fremdworte eine Lüge, indem wir unſerer Sprache fälſchlich ein Armutszeugnis ausſtellen? Alſo Wörter wie abſolut fuür ſchlechterdings; abſurd für albern, abgeſchmackt; abſtrahieren für abſehen; ac quirieren für erwerben; Advocat für Rechtsanwalt; Agitator für Wühler, Hetzer; Annonce für Anzeige, Bekanntmachung; anonym für ungenannt, ohne Unterſchrift; Anthologie für Blumenleſe; aequivok für zweideutig, ſchlüpfrig; Arroganz für Anmaßung, Dünkel; Bon für Anweiſung, Gutſchein; Centrum für Mittelpunkt; Chance für Ausſicht und unzählige andere ſind ganz gewiß entbehrlich und nur aus reiner Gewohnheit und Bequem⸗ lichkeit— auch wohl aus Übermut gebraucht. Sie ſind übrigens zuſammengeſtellt von Hermann Dunger: Wörterbuch von Verdeutſchungen u. ſ. w.(ſ. oben S. 7).
Es iſt bisher vorausgeſetzt geweſen, daß derjenige, der mit Recht oder Unrecht Fremdwörter gebraucht, ſelbſt wenigſtens die Bedeutung derſelben kennt. Was ſoll man aber dazu ſagen, wenn dieſe Vorausſetzung nicht zutrifft? So lange nämlich die Sprachmengerei— leider!— als ein Zeichen der Bildung und der Vornehmheit(Diſtinction!) gilt, wird namentlich der gemeine Mann danach ſtreben, ſich dieſen Schein zu erwerben; es wird ihm eine Genugthuung ſein, mit Fremd⸗ wörtern prunken zu können— aber wie oft werden dieſe falſch angewendet ſein? wie oft werden wir ihm gegenüber im Zweifel ſein, ob er wirklich das meint, was er geſagt hat? Manchmal freilich merkt man ja leicht, was er will, wie in folgenden Fällen, die ich aus eigener Erfah⸗ rung berichte. Eine Frau fragte einmal ganz ernſthaft: Welche Barriere gedenkt Ihr Herr Sohn einzuſchlagen? Ein Fräulein, das ziemlich viel Romane las und einen Zweifel an ihrer Befähigung richtig zu ſprechen als eine Beleidigung angeſehen hätte, ſagte immer niorm für enorm. Ein Gymnaſiaſt der oberſten Klaſſe hatte das militärpflichtige Alter erreicht. Da er nun den Wunſch hatte, einen Ausſtand bis nach ſeiner Entlaſſungsprüfung zu erlangen, ſo wollte er es— wie er ſeinem Director mitteilte— mit einer Reclame verſuchen— er meinte eine Reclamation! Daß viele Leute irritieren falſch, d. h. im Sinne von irre machen gebrauchen, iſt bekannt, ſo daß Dunger in ſeinem Wörterbuche ſchon davor warnt. Ob alle Anhänger der heute ſo zahlreichen politiſchen Parteien immer einen klaren Begriff von ihren Zielen und Zwecken haben, darf billig bezweifelt werden; die vielen Fremdwörter im politiſchen Leben ſind auch ganz geeignet Verworrenheit in den Köpfen hervorzubringen. Recht ſpaßig iſt der Fall, den der eben verſtor⸗ bene Dr. Pres ber in ſeinem Wolkenkuckucksheim erzählt. Bei dem Tumult vor dem Schloſſe zu Wiesbaden— 1848— forderte ein„Kriſcher“(= Schreier) Preßfreiheit und Cenſur gleich⸗ zeitig. Auf den Widerſpruch aufmerkſam gemacht, erwiderte er:„Schad't nix, aber han müſſe mer's.“
Man glaube übrigens nicht, daß nur der gemeine Mann über ein Fremdwort zu Falle kommen kann, es kommt auch bei Gebildeten vor. An die oben gerügte taktvolle Feinfühligkeit erinnere ich hier noch einmal. In einem Blatte leſe ich folgenden„gebildeten“ Satz:„Die gegen⸗ wärtige Geſetzgebung erfüllt leider dieſe conditiones sine qua non noch keineswegs.“ Eine weitere


