Aufsatz 
Gefahren moderner Jugendlektüre
Entstehung
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Wir müſſen zugeſtehen, ſeit dem letzten Jahrzehend fängt unſere Jugendliteratur an, von ſolchen moraliſchen und religiö⸗ ſen Tendenzen ſich frei zu machen. Man ſchreibt für die Jugend Romane aus der Welt der Erwachſenen. Und dagegen ließe ſich in der That nicht viel erinnern; denn der ächte Roman ſoll ja die Idee des wirklichen Lebens poetiſch darſtellen, weßhalb man auch einigermaßen begreifen kann, daß Benecke in der Lektüre eines guten Romans keine beſondere Gefahr für die Jugend erblickt, und daß Herbart(im Anfang dieſes Jahrhunderts) ſeinem heranreifenden Zögling keine beſſere Lektüre zu geben wußte, als Iffland's Schauſpiele. Aber frei⸗ lich, um einen Roman und noch dazu einen guten Roman für die Jugend zu ſchreiben(nicht um Cooper'ſche Romane zu verwäſſern), iſt zweierlei nöthig: eine große Geſinnung und ein großes Genie: Herbart verzweifelt geradezu daran, daß aus unſeren modernen Zuſtänden eine gute Jugendſchrift her⸗ vorgehen könne.Solche Männer, ſagt er,deren der Knabe einer werden möchte(und die ihr eben ihm darſtellen müßt), findet ihr nicht in der Nähe; denn dem Männerideal des Knaben entſpricht nichts, was unter dem Einfluß unſerer heu⸗ tigen Kultur erwachſen iſt. Ihr findet es auch nicht in euerer Einbildungskraft; denn die iſt voll pädagogiſcher Wünſche und voll euerer Erfahrungen, Kenntniſſe und eigenen Angelegen⸗ heiten. Faſt ſollte man meinen, er habe Recht. Unwahr⸗ heit iſt das Weſen, lächerliche Aermlichkeit das Kleid ſolcher modernen Kinderromane. Sie greifen Kurioſitäten und Außer⸗ ordentlichkeiten des Lebens auf und putzen damit die Puppe, die ſie ein Ideal von Menſchen nennen. Nichts wirklich Ideelles und Poetiſches iſt in dieſen ſchwächlichen und leicht⸗ fertigen Machwerken. Und ihre erdichtete Welt iſt nicht die eines Märchens, das außerhalb der wirklichen Welt ſteht, ſie iſt eine Fälſchung des wirklichen, dem Kinde nahegerückten und