Aufsatz 
Gefahren moderner Jugendlektüre
Entstehung
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heit der Worte und der Geberden iſt oft noch widerlicher als die der Handlungen. Ueberall klingt es: liebſter Herzensvater, theuerſte Mutter, beſter Bruder, allerbeſter Oncle, und bei jedem Zeichen der Liebe fällt das Kind dankerfüllt der Mutter um den Hals und Schweſter und Bruder ſich in die Arme.Wenn meine Kinder, ſagt W. Menzel,mir jemals mit ſolchen Redensarten kämen, wie wir ſie in tauſend dieſer Kinderſchriften von artigen und frommen Kindern verzeichnet finden, ſo würde ich ſie als affektirte Narren zurechtweiſen oder als vollendete Heuchler züchtigen. Robinſon tritt zwar auch als ein Kind auf, aber nicht ſeine Knabenhaftigkeit, ſondern ſein Erſtarken zur Mannhaftigkeit gewinnt ihm die Herzen; und in Friedrich Jacobs'Alwin und Theodor(einer unſerer beſten Kinder⸗ ſchriften) ſpielen zwar auch Kinder, aber faſt nur als Zuſchauer, nicht als Helden der Geſchichte. In beiden Büchern iſt den Kindern eine paſſende Rolle angewieſen; und eine andere wer⸗ den ſie überhaupt kaum einnehmen können, wenn man von ihnen mehr, als beiläufige Anekdoten geben will.

Verwandt mit jener⸗Affektirtheit der Kindergeſchichten iſt die unnatürliche Selbſtbeſpiegelung der Tugend und die altkluge Reflexion über das Glück und die Unſchuld der Kindheit, wie ſie namentlich in poetiſchen Kinderſchriften auftritt. Kinder wiſſen nichts davon, daß ſie glücklich und unſchuldig ſind, und brauchen es auch nicht zu wiſſen. Glück und Unſchuld der Kindheit lernt man erſt kennen, wenn man ſie verloren hat; und dann iſt es ganz ſchön, ſie in der eigenen Erinnerung oder im Anblick der noch blühenden Kindheit poetiſch zu ver⸗ klären. Aber dem Kinde ſelbſt ſein Glück und ſeine Unſchuld anatomiſch veranſchaulichen, heißt ſie ertödten; und Kinder den Preis der Vorzüge und Reize der Kindheit deklamiren oder ſingen laſſen, heißt ſie in die Rolle des Alters hineintreiben. Selbſt der treffliche Hey mit ſeinem:Ein Herz, ein Herz