gefeiert.— Wie vor 40 Jahren im Schloſſe zu Verſailles wurde zum Eingang der 66. Pſalm verleſen und die 1. und 5. Strophe von dem Liede„Sei Lob und Ehr dem höchſten Gut“ geſungen.
Darauf ſchilderte der Redner, Herr Profeſſor Pabſt, die ſchlichte und erhebende Feier der Aus⸗ rufung König Wilhelms I. zum deutſchen Kaiſer im Spiegelſaale zu Verſailles und knüpfte daran den Gedanken, daß das deutſche Volk ſeit dem Beſtehen des neuen Reiches über alles Hoffen und Erwarten zu Macht, Anſehen, Wohlſtand und Wohlbefinden wie nie zuvor gekommen ſei, den Frieden unter den Völkern gepflegt und auf allen Gebieten kultureller Betätigung Hervorragendes geleiſtet habe. Deshalb müßten wir eigentlich von unſerer Zeit ſagen, es ſei eine Luſt, in ihr zu leben. Leider aber fehlte dem Deutſchen die Zufriedenheit und die Freudigkeit, und das laſſe unſere vielen und großen natio⸗ nalen Güter uns wertlos erſcheinen. Die Urſachen hiervon ſeien mancherlei, der letzte Grund dafür aber liege in der Bildung des deutſchen Volkes, welche immer noch an Ungleichmäßigkeit und Halbheit leide. Körper und Geiſt müßten ſich das Gleichgewicht halten. Die intellektuelle, ethiſche und äſthetiſche Aus⸗ bildung müſſe noch inniger Hand in Hand gehen mit der Pflege unſerer Leibeskraft und⸗gewandtheit.— Unſere Anſtalt ſtrebe dieſem alles umfaſſenden Ziele ebenmäßig zu, und in Anerkennung dieſes Strebens habe ſie wohl auch S. Majeſtät zur Kaiſer Wilhelm-Oberrealſchule ernannt.— Wollten ſich die Schüler dieſer hohen Auszeichnung würdig, ihren Vätern aber, welche das Reich mit ihrem Blute erkämpft hätten, dankbar zeigen und wollten ſie ſelber zufriedene und frohe Bürger des Vaterlandes werden, ſo ſollten ſie treu bleiben dem Wahlſpruche der Anſtalt:
Die Köpfe klar, die Herzen warm, Die Rede wahr, und ſtark der Arm.
Zum Schluß wurde geſungen:„Stimmt an mit hellem, hohem Klang.“— Am 27. Januar beging die Anſtalt den Geburtstag Sr. Majeſtät des Kaiſers durch eine öffentliche zahlreich beſuchte Feier in ihrem Feſtſaal. Zur Vorführung gelangten ſechs altniederländiſche Volkslieder aus der Sammlung des Adrianus Valerius v. Jahre 1626 überſetzt von Joſeph Weyl, bearbeitet von Eduard Kremſer mit ver⸗ bindender Dichtung von Karl Bieber. Der Oberprimaner Hans Müller erhielt das von Sr. Majeſtät geſtiftete Ehrengeſchenck: Wislicenus, Deutſchlands Seemacht. Die Feſtrede hielt Herr Oberlehrer Dr. Michael. Er gab darin einen Ueberblick über die Geſchichte der Flottenbeſtrebungen unter den Hohen⸗ zollern und würdigte die Bedeutung Kaiſer Wilhelms II. für die Seegeltung Deutſchlands.— Durch das Entgegenkommen des Intendanten des Herzogl. Hoftheaters in Meiningen, Herrn Geheimrat Grube, wurden im verfloſſenen Winterhalbjahr zwei Aufführungen für Schüler und Schülerinnen höherer Lehranſtalten der Umgegend veranſtaltet, am 11. Dezember Wilhelm Tell, am 12. März Kleiſts Prinz von Homburg. Schuͤler unſerer oberen und mittleren Klaſſen benutzten freudig dieſe Gelegenheit, ſich einen Kunſtgenuß zu verſchaffen, und es iſt zu hoffen, daß der Verſuch derartiger Schüleraufführungen ſich zu einer dauern⸗ den Einrichtung geſtaltet.— Am 18. März wurden die Abiturienten vor der verſammeltén Anſtalt mit einer Anſprache des Direktors entlaſſen.


