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liefert, den wir bewohnen. Unser Gehirn gehört diesem Planeten, folglich auch die Idiome unserer Begriffe, die darin aufbewahrt liegen.“ Aber dieser kosmologischen Abhängigkeit steht die Spontaneität des menschlichen Bewusstseins gegenüber.„So wie die Denkkraft die Verhält- nisse der Idiome entwickelt, müssen diese Verhältnisse in den Sachen auch wirklich vorhanden sein. Wahrheit ist also keine Eigenschaft der Idiome, sondern der Schlüsse, nicht die Khnlich- keit des Zeichens mit dem Bezeichneten, des Begriffs mit dem Gegenstand. sondern die Über- einstimmung dieses Begriffes mit den Gesetzen der Denkkraft.“ Nirgends zeigt sich dies deut- licher als in dem Vollzug des mathematischen Denkens.„Was für eine Khnlichkeit haben z. B. die Buchstaben A und B, die Zeichen: und=,+ und— mit dem Faktum, das gewonnen werden soll?“ Und doch bedient sich die Grössenlehre dieser Chiffern, die nirgends als auf dem Papier vorhanden sind, und findet damit, was vorhanden ist, in der wirklichen Welt. Drei bedeutungs- volle Merkmale der kantischen Erkenntnislehre sind damit als solche bereits von Schiller erkannt worden: es ist die Subjektivität unserer Erkenntnis, die Spontaneität des menschlichen Bewusst- seins und die Bedeutung der Mathematik für alle Untersuchungen auf erkenntnistheoretischem Gebiete. Freilich ist von der Tiefe des„transzendentalen Apriori“ Schiller noch wenig offenbar geworden. Seine Darstellung trägt, mit Reminiszenzen an seine medizinischen Studien, was die Subjektivität unserer Erkenntnis anbetrifft, einen rein physiologischen Charakter, ja streift in ihrer streng kosmologischen Begründung unmittelbar an Materialismus. Und gewiss beweisen auch die Kusserungen Schillers über die Spontaneität unseres Denkens und die erkenntnis- theoretische Bedeutung der mathematischen Disziplinen nur die oberflächlichste Berührung mit kantischen Begriffen. Ist doch auch der spätere Denker, trotz reichlicher Studien, der Kritik der reinen Vernunft unter allen kritischen Schriften Kants am wenigsten nahe getreten. Aber das Bewusstsein und die Einsicht in die Tatsächlichkeit menschlicher Wissensschranken hat ihn seitdem nicht wieder verlassen und seine Stellung im System des transzendentalen Kriti- zismus begründet.
Diesen qualitativen Erkenntnisschranken der menschlichen Gattung aber stellt der Dichter die Schranken seines eigenen Wissens gegenüber, und damit münden die Philo- sophischen Briefe in eine wichtige Selbsterkenntnis.„Ich bin arm an Begriffen, ein Fremdling in manchen Kenntnissen, die man bei Untersuchungen dieser Art als unentbehrlich voraussetzt. Ich habe keine philosophische Schule gehört und wenig gedruckte Schriften gelesen. Es mag sein, dass ich dort und da meine Phantasieen strengeren Vernunftschlüssen unterschiebe, dass ich Wallungen meines Blutes, Ahndungen und Bedürfnisse meines Herzens für nüchterne Weis- heit verkaufe.“ Der Glaube, dass auch der Irrtum zur Wahrheit leitet und das Glauben dem Wissen vorausgeht, mag dann den Dichter trösten.
Unsere Betrachtungen haben uns in den Philosophischen Briefen drei verschiedene Schichten gedanklich übereinandergelagert erkennen lassen. Dem Pantheismus der Lauraoden entspricht der Hauptbestandteil derselben. Noch schwelgt der Dichter in den Gedanken der Alleinheit und der Allgegenwart Gottes, dessen Spuren ewiger Liebe sich in allen Teilen des Weltalls verkünden. Der Abschnitt„Aufopferung“ nähert die ursprünglichen Anschauungen Schillers einigermassen dem ethischen Wertstandpunkt des Don Karlos. Der Dichter hat auf eine transzendente Lösung der Welträtsel verzichtet und ist bestrebt, desto schärfer den selb- ständigen Wert unserer auf dem ebenen Boden des historischen Lebens aufkeimenden Ideale herauszuheben. Endlich versetzt uns die Schlussbetrachtung, die künftige Entwicklung des


