Aufsatz 
Drei Schulreden. 1) Rede zur Feier des 50. Gedenktages der Schlacht bei Leipzig, gehalten am 17. Okt. 1863. 2) Rede, gehalten am 31. Okt. 1867 bei der 50jährigen Jubilarfeier der Gründung des Gymnasiums und dem Amtsjubiläum des Schreib- und Zeichenlehrers Storck. 3) Rede, gehalten am 22. März 1870 bei der Feier des Geburtstages Sr. Majestät des Königs / Heinrich Rieß
Entstehung
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vermag, mit unerſchütterlicher Ausdauer ertrugen. Wer will leugnen, daß es da zunächſt der kör⸗ perlichen Kraft und Tüchtigkeit bedurfte, des ſtarken Armes, des feſten Fußes, des ſicheren Blickes, der Gewandtheit in allen Bewegungen, der Widerſtandsfähigkeit gegen die Schrecken, die von allen Seiten die Kämpfenden zu erdrücken drohten? Eine Reihe kriegeriſcher Jahre hatte ein ſtärkeres Geſchlecht erzogen, als der Anfang unſeres Jahrhunderts in Deutſchland fand, und freiwillige ener⸗ giſche Leibesübungen, von Jahn und ſeiner Turnerſchaar mit Begeiſterung angeregt und ergriffen, hatten in vielen die natürliche Kraft entwickelt und mit der höchſten. Gewandtheit und Sicherheit in allen Bewegungen gepaart. Es wäre Thorheit, den, der keine anderen als ſolche körperliche Vorzüge beſitzt, ſehr hoch zu ſtellen; aber ebenſo thöricht würde es ſein, auf ſolche Vorzüge überhaupt gering⸗ ſchätzig herabzublicken. Die Hellenen, jenes durch die wunderbare Verbindung deſſen, was das Leben verherrlicht, ſo reich bevorzugte Volk, gleich groß im Dienſte der Waffen wie ausgezeichnet in den Künſten des Friedens, die Hellenen des Alterthums können uns ſchon durch den hohen Werth, wel⸗ chen ſie den zu Olympia oder in anderen heiligen Feſtſpielen erlangten Kränzen beilegten, darauf aufmerkſam machen, daß wir von ſolchen Vorzügen nicht allzugering denken dürfen. Und wenn wir auch gern zugeben, daß der Ruhm, den ſie ihren Siegern der öffentlichen Kampfſpiele zollten, weit über das gebührende Maß hinausging: ſo hatten ſie doch darin gewiß vollkommen Recht, daß ſie glaubten, auch die leibliche Trefflichkeit und die Ausbildung zu Anmuth und Kraft ſei als ein Ver⸗ dienſt zu preiſen, das ihnen ſogar herrlich genug ſchien, mit den heiligſten Feſten als das den Göttern angenehmſte Schauſpiel verbunden zu werden. Nicht überall geht die Achtung vor geiſtigen und leiblichen Vorzügen ſo wie bei ihnen Hand in Hand. Oft führt die Liebe zu den Wiſſenſchaften und die fleißige Beſchäftigung mit den Büchern zur Gleichgültigkeit gegen alles, was den Körper angeht, und zu jener unbeholfenen, kraftloſen und lächerlichen Erſcheinung, durch welche nicht blos geiſtloſe Pedanten, ſondern auch oft wahrhaft gelehrte Männer den Spott auf ſich ziehen, und leicht erzeugt die Gewöhnung an ſitzende Beſchäftigung eine träge Abneigung gegen jede Uebung der Leibeskraft und die damit verbundenen Anſtrengungen. Noch hat die friſche, freie, fröhliche Kunſt des Turnens nicht bei allen Jünglingen die verdiente Theilnahme gefunden; noch meiden viele das ſtärkende Spiel der Glieder, das mit ihr verbunden iſt, und ziehen den Genuß bequemer Gemächlichkeit vor. Die Zeiten des Friedens, denen Deutſchland faſt ſeit einem halben Jahrhundert viele und reiche Segnungen verdankt, haben eine ſchlaffere Gewöhnung begünſtigt. Aber ſchon geht ein friſcherer Hauch durch die Gemüther und die Ueberzeugung gewinnt mehr und mehr Boden, daß in der vollen und harmo⸗ niſchen Ausbildung der menſchlichen Natur auch die leibliche Tüchtigkeit ihre wohlberechtigte Stelle finden müſſe. Das Wohl des Vaterlandes verlangt nicht blos geſchickte, unterrichtete, einſichtsvolle, es verlangt auch ſchon im Frieden kraftvolle und tüchtige Bürger; es bedarf einer Macht, die über⸗ müthigen Nachbarn Achtung einflößt und es möglich macht, ihren verwegenen Uebergriffen die Abwehr und die Strafe auf dem Fuße folgen zu laſſen. Wenn ihr denn, Knaben und Jünglinge, den Be⸗ richten großer Thaten mit Spannung lauſcht; wenn ihr der Erzählung von den furchtbaxen Mühſalen und Anſtrengungen der Leipziger Kampfestage mit Bewunderung gefolgt ſeid und, ſobald das Vater⸗ land gleiches von euch fordert, gleiches zu leiſten glüht: ſo thut euch ab jeder weichlichen und un⸗