Der logiſche Zuſammenhang in der Phyſik.
Die vorliegende Arbeit iſt veranlaßt durch die logiſchen Unterſuchungen von Wundt. Sie beſchränkt ſich auf den Inhalt der Phyſik, welcher Gegenſtand des Schulunterrichts geworden iſt, und ſucht den logiſchen Zuſammenhang in pädagogiſchem Intereſſe feſtzuſtellen. Wenn überhaupt von einer feſtſtehenden Methode im Unterricht die Rede ſein ſoll, dann hat dieſelbe zunächſt den logiſchen Zuſammenhang des Gegenſtandes klar zu ſtellen, ehe irgend welche pſychologiſche Geſichtspunkte über die Form desſelben zur Geltung kommen können. Die logiſchen Beziehungen der Phyſik ſind aber, was in der Natur ihres Gegenſtandes begründet iſt, ſehr vielſeitige und verwickelte.
Nach der üblichen Auffaſſung wird aber dieſer Znſammenhang als von ſehr einfacher Art hingeſtellt. Darnach wird die Phyſik für eine Erfahrungswiſſenſchaft gehalten, welche von gegebenen Thatſachen ausgeht und durch Induction ihre Geſetze herleitet.
Dieſe Auffaſſung wird dadurch veranlaßt und unterſtützt, daß ſich der Inhalt der Phyſik zunächſt darſtellt als eine Zuſammenſtellung von Thatſachen, die durch Beobachtung feſtgeſtellt ſind, und aus welchen dann allgemeinere Reſultate, die man als Geſetze bezeichnet, durch Abſtraction gewonnen wurden. Indeſſen iſt das, was die Beobachtung liefert, nicht der einzige Inhalt der Phyſik, weil dieſelbe nicht nur ein bloſes Verzeichnis von Thatſachen und eine äußere Beſchreibung derſelben erſtrebt. Die Phyſik ſucht außerdem noch den inneren Zuſammenhang der Erſcheinungen aufzudecken, indem ſie eine Erklärung derſelben zu ſtande bringt. Aber dieſe Erklärung iſt nur möglich durch die Ergänzung des Beobachtbaren mit gewiſſen Vorausſetzungen über Thatſachen, die ſich zunächſt der Beobachtung entziehen. Ferner kommt die Erklärung nur zu ſtande durch die Begriffe der Subſtanz und Cauſalität, die nicht der Erfahrung entnommen ſind, indem der Zuſammenhang der Erſcheinungen nur begreifbar iſt auf Grund gewiſſer Annahmen, die über die Materie und ihre Kräftewirkungen gemacht werden. Außerdem kommt in Betracht, daß der größte Teil der Erſcheinungen erſt durch Benutzung von experimentellen Hilfsmitteln hervorge⸗ rufen wurde. Dieſe Art von Erſcheinungen war alſo nicht unmittelbar durch die Natur der Beobachtung dargeboten, ſondern ſie ſind ſelbſt in den meiſten Fällen Erzeugniſſe des Denkens, die durch Deduktion abgeleitet wurden, indem man, von gewiſſen Erſcheinungen ausgehend, auf Grund von allgemeinen Annahmen andere Erſcheinungen vorausſagen konnte, die das Experiment auf ihre thatſächliche Richtigkeit zu prüfen hatte. Weil aber das Ziel einer phyſikaliſchen Unterſuchung immer auf die Feſtſtellung gewiſſer Thatſachen gerichtet iſt, ſo überſieht man die Hilfsvorſtellungen und Annahmen, die zur Aufdeckung einer Thatſache als ihrem Ergebnis geführt haben, und hält dann die Thatſache für das Gegebene, an welche das inductive Denken anzuknüpfen habe.


