Die Bildſäule des Bacchus von Uhland, Hochzeitlied von Goethe,
Nadoweſſiſche Todtenklage von Schiller, für die Schule erklärt.
Die Vildſäule
des Bacchus
von Uhland. (Bone, Leſeb. 2. Theil, Seite 462.)
Kalliſthenes, ein Jüngling zu Athen,
Kam einſt nach einer durchgeſchwärmten Nacht, Den welken Epheukranz ums wilde Haar, Hintaumelnd in der Dämmerung nach Haus,
Er ſelber, wie die Dämm'rung, wüſt und bleich. 5 Als nun der Diener nach dem Schlafgemach Ihm leuchtet durch den hohen Säulengang,
Da tritt mit Eins im vollen Fackelnſchein Des Bacchus göttlich Marmorbild hervor,
Von ſchöpferiſcher Meiſterhand geformt.
In Jugendfülle hebt ſich die Geſtalt,
Aus reichem, lang hinwallendem Gelock Erglänzt das feingewölbte Schulternpaar,
Und unter Schatten üppigen Geflechts
Von Rebenlaub und ſchwellender Traubenfrucht Erſcheint das runde, blühende Geſicht. Erſchrocken fährt Kalliſthenes zurück
Vor der Erſcheinung Herrlichkeit und Glanz; Ihm iſt, als hätte mit dem Thyrſusſtab
10
15
Der Gott die Stirne ſtrafend ihm berührt, Als ſpräche zürnend der belebte Mund:
„Was ſpukſt du hier, du wankendes Geſpenſt? Ereb'ſcher Schatten, kraftlos, ſinnbetäubt!
Du haſt den heil'gen Epheu mir entweiht, Du nenneſt frevelnd meinen Prieſter dich? Hinweg von mir! ich kenne deiner nicht.
Ich bin die Fülle ſchaffender Natur,
Die ſich beſonders in dem edlen Blut
Der Rebe reich und göttlich offenbart.
Will euer wüſtes Treiben einen Gott,
So ſucht ihn nicht auf ſonnigem Weingebirg, Nein! ſucht ihn drunten in des Hades Nacht!“ Der Gott verſtummt, der Fackel Licht erliſcht, Der Jüngling ſchleicht beſchämt in ſein Gemach, Er nimmt vom Haupt den welken Epheukranz, 35 Und ſtill in des Gemüthes Innerſtem Beſchwöret er ein heiliges Gelübd.
20
25
30


