Exegetiſche Abhandlung über Röm. III. 1— 20.
Wer die Schwierigkeiten kennt, welche die Erklärung der pauliniſchen Schriften dem Ausleger darbietet, wird ſich wohl nicht darüber verwundern, daß manche derſelben noch keineswegs eine befriedigende Löſung gefunden haben, daß vielmehr in jenen Schriften theils einzelne Stellen, theils ganze Abſchnitte vorkom⸗ men, die einem tieferen, nach allſeitiger Klarheit ringenden Verſtändniß noch dunkel und räthſelhaft ſchei⸗ nen können. Wo es ſich namentlich um dialektiſche Entwicklungen handelt, dürfte ſchwerlich einer von den Philoſophen des Alterthums, den Plato und Ariſtoteles nicht ausgenommen, die Kunſt des Auslegers mehr in Anſpruch nehmen, als der große Heidenapoſtel in ſeinen ſchmuckloſen Briefen. Keiner von dieſen letzteren aber möchte die Eigenthümlichkeit der pauliniſchen Dialektik ſchärfer und beſtimmter ausgeprägt darſtellen, als der an die Römer, und wie daher unter den neuteſtamentlichen Schriften gerade dieſer Brief die ſcharfſinnigſten und gelehrteſten Ausleger von jeher ganz beſonders beſchäftigt hat, ſo möchten ſich wohl auch gerade in ihm noch manche Stellen und Abſchnitte vorfinden, in welchen ein ſicheres Er⸗ gebniß der Auslegung noch keineswegs zu Tage gefördert ſcheint. So enthält insbeſondere der Abſchnitt Cap. III, 1— 20 manche in der That ſehr bedeutende Schwierigkeiten, die theils in Einzelheiten, theils in der Auffaſſung des ganzen Zuſammenhanges begründet, bis dahin noch nicht in befriedigender Weiſe gelöſt ſein dürften. Nur durch Rede und Gegenrede aber wird die Wahrheit ans Licht gebracht, und ſo möge denn die Erklärung jenes Abſchnittes hiermit aufs Neue verſucht werden. Vielleicht, daß es der folgenden Auseinanderſetzung gelingt, manche Schwierigkeiten hinwegzuräumen und richtiger als bisher den Sinn des Ganzen wie des Einzelnen feſtzuſtellen.—
Der geſammte Abſchnitt, deſſen Erklärung wir uns zur Aufgabe geſtellt haben, handelt von dem Vorzug der Juden und dem Nutzen der Beſchneidung und iſt im Zuſammenhange der Gedanfen dadurch herbeigeführt, daß Paulus am Schluſſe des 2. Capitels über die Beſchneidung in einer Weiſe geſprochen hatte, nach welcher es allerdings ſcheinen konnte, als ob er den Werth jenes Bundeszeichens herabſetze und überhaupt jeden Vorzug leugne, den das jüdiſche Volk vor andern Völkern voraus habe. Um nun Mißverſtändniſſen der bezeichneten Art vorzubeugen, wirft er, ganz in gewohnter Weiſe argumentirend, V. 1 die Frage auf:„was hat nun der Jude zum Voraus, oder was nützt die Beſchnei⸗ dung?“ Er beantwortet dieſe Frage zunächſt ganz allgemein, indem er ſagt:„viel, in jeglicher
Hinſicht.“ Zum Belege dieſer Behauptung aber fügt er ſogleich näher entwickelnd hinzu:„zuvörderſt, .


