Aufsatz 
Schulkind und Elternhaus
Entstehung
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ziehung des Kindes zur Wahrheitsliebe. Dieſe, eine Form wahrheitsliebe. der Nächſtenliebe, iſt eine jedem Kinde, bei dem nicht ver⸗ derbliche Sinflüſſe einer Entartung durch Vererbung vor⸗ liegen, innewohnende Eigenſchaft. Es bedarf indeſſen einer gewiſſen Sorgfalt, den vorhandenen guten Keim durch ge⸗ wiſſenhafte Pflege unbefleckt zu erhalten. Daß dies eine recht ſchwierige Aufgabe der Erziehung iſt, zeigt die verhältnis⸗ mäßig große Verbreitung der Lüge unter unſerer Jugend. Sehr oft wirkt hier das Beiſpiel der Erwachſenen und des Hauſes hinderlich, und das iſt vielleicht bei der ganzen Frage die größte Schwierigkeit. Überall im Leben hält man in der gemeinen Moral Notlügen in weitgehender und unnötiger Ausdehnung für erlaubt. So wiſſen beiſpielsweiſe die Kinder ganz genau, daß zuweilen die Eltern, wenn es ihnen nicht paßt, einen Beſuch zu empfangen, ſich lieber durch die Dienſt⸗ boten verleugnen, als ſich, wie es zweifellos richtiger wäre, entſchuldigen zu laſſen. Fahlreich ſind die Notlügen von Eltern gegen Dienſtboten und umgekehrt, oder gar Notlügen der Gatten untereinander. Sehr oft werden dabei die Kinder noch dadurch entwürdigt, daß man ihnen die niedrige Rolle des Belfershelfers zumutet. Das Kind iſt ein genauer Be⸗ obachter, dem es nicht ſehr lange verborgen bleibt, zu welchem Zwecke die Notlüge begangen wurde, und das ſeine Lehre daraus zieht. Die erſte Anwendung, die es von der genoſſenen Unterweiſung macht, iſt, daß es in einem Falle, wo es Unan⸗ genehmes zu vermeiden wünſcht, eine unwahre Ausſage macht. Anfangs ſieht der Kundige noch leicht, wie es ſteht, hat aber die Lüge erſt einige Erfolge, ſo wird ſie dreiſter, und es wird oft ſchwer ſein, ſie zu entdecken, namentlich da bei vielen Eltern, trotz der eigenen gegenteiligen Gewöhnung, felſenfeſt ſteht, daß die Kinder nicht lügen.

Eng verwandt mit der eben erwähnten Art der Lüge iſt diejenige, die ihren Urſprung in der Furcht vor der Strafe hat. Letztere ſpielt ſowohl im häuslichen Leben des Kindes als auch in der Schule eine ſehr bedeutſame Rolle. Aus ihr ent⸗ ſpringen die hunderterlei leeren Entſchuldigungen, und aus ihr

2ꝛ Schiller, Dr. Herman: Handbuch der praktiſchen Pädagogik für höhere Lehranſtalten. 4. Aufl. Leipzig, Reisland, 1904, S. 207.

²¹ Ebenda, Seite 208.

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