Aufsatz 
Über den Rhetor Seneca und die römische Rhetorik seiner Zeit / vom ... Koerber
Entstehung
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Die Frage nach der Art und Weise, wie die Rhetoren ihre Kunst im Leben ausübten, hängt theilweise mit der Ein- richtung des Unterrichts ¹³²) der Jugend zusammen. Nach einem verhältnissmässig kurzen Elementarunterricht wurde der Knabe der Schule des Grammatikers übergeben, in der natürlich hauptsächlich auf die Lectüre vaterländischer Schrift- steller Bedacht genommen wurde. Doch wird geklagt ¹³3), dass die Grammatiker vielfach über die ihnen gesteckten Grenzen hinaus in das der Rhetorik vorbehaltene Gebiet über- griffen, indem sie namentlich Prosopopöieen und Suasorien in den Kreis ihres Unterrichts zogen, wodurch der Knabe zu lang in ihrer Schule festgehalten wurde. Der Rhetorschule lag es dann ob, den Knaben 134) zunächst zur Abfassung von Erzählungen, zu Versuchen in Lob- und Tadelreden, zur Bearbeitung von Thesen und Gemeinplätzen anzuleiten 13⁶), um ihn dadurch zur Lösung der schwierigeren Aufgaben der Rhe- torik zu befähigen. So sollte es sein; aber auch die Rhetoren hielten es für unwürdig 136), sich mit den Anfangsgründen ihrer Kunst zu befassen, so dass ihr Unterrieht mit der Declamation begann und sich auf diese beschränkte 137); denn in wie weit die theoretische Seite berücksichtigt wurde, lässt sich nicht ermitteln 138). Hatte der Knabe oder Jüngling in der Rhetor- schule zur Freude des eitlen Vaters die Kunst der Declama- tion, so gut es gehen mochte, erlernt, so war damit der

132) Vgl. Westermann,§. 78. ¹33) Quintil. II, 1, 1 ff.

134) Vgl. oben Note 12 14. Dass der Uebergang aus der Schule des Grammatikers in die des Rhetors noch im Knaben- oder ersten Jünglingsalter stattfand, beweisen ausser den erwähnten Stellen die Worte Quintilians(II, 2, 4 ff.), der vom Lehrer der Rhetorik Eigen- schaften verlangt, auf die es nur bei einem lebendigen Wechselverkehr mit den Schülern ankommt; namentlich soll derselbe auf ihre Fragen bereitwillig antworten und, wenn sie nicht von selbst fragen, an sie Fragen stellen.

135) Quintil. II, 1, 8. 1¹36) Das. II, 1, 2: ut professione sua minora despiciunt. 137) A. a. O. declamare modo et scientiam decla- mandi ac facultatem tradere officii sui duct. 1⁸⁸) Vgl. Wester- mann,§. 79.