Aufsatz 
Zur Erklärung einiger Ausdrücke in unsern Ausgaben der Luther'schen Bibelübersetzung / vom Oberlehrer [d.i. Friedrich August Finger ]
Entstehung
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Zur Erklärung einiger Ausdrücke in unſern Ausgaben der Luther'ſchen Bibelüberſetzung.

Die deutſche Sprache, wie eine jede lebende, ja wie jedes endliche lebende Weſen, verändert ſich beſtändig. Sie bildet im Laufe der Zeit neue Wörter, wirft andere ab, nimmt aus fremden Sprachen, was ihr dient, willig auf. Die Wöoͤrter ändern wohl, indem ſie ihre Form behalten, ihre Bedeutung. So bedeutete ſchlecht, gegenwärtig dem gut entgegengeſetzt, urſprünglich ſchlicht, einfach.*) So hieß einfältig, das heute gewöhnlich faſt im Sinne von dumm gebraucht wird, eigentlich mit nur einer Falte, alſo einfach, und, auf Menſchen angewandt, arglos, ohne Hinterliſt.**) Auch dumm hatte urſprünglich nicht die jetzige Bedeutung; wir finden es wohl, ohne allen tadelnden Nebenbegriff, im Sinne von unerfahren auf jüngere Leute angewandt.*) Andere Beiſpiele von Veränderung der Bedeutung bieten Knecht, Schalk, Schimpf, und manche andere Wörter.

Auch ſeitdem, vor mehr als dreihundert Jahren, Martin Luther unſerm deutſchen Volke die Bibel eröffnet hat, iſt mit unſerer Sprache manche Veränderung vorgegangen. Die neueren Ausgaben bieten uns nicht mehr ganz Luther's Sprache; ſie haben aber, mit vollem Rechte, das Alterthüm⸗ liche nicht durchaus verwiſcht. So leſen wir denn in unſern Ausgaben veraltete Wortformen G. B. kreucht, fleugt), Redeweiſen(ſo, für unſer wenn, zu Anfang der Bedingungsſätze), Wort⸗ ſtellungen(z. B. 1. Cor. 13, 10: Wenn aber kommen wird das Vollkommene). Und wir finden da auch Wörter in einer Bedeutung gebraucht, die jetzt nicht mehr die gewöhnliche iſt. Stellen, in welchen das Letztere der Fall iſt, könnte man leicht falſch verſtehen und anwenden. Es erſcheint

*) So noch heute in der allerdings, wie es ſcheint, in Abgang begriffenen Redensart ſchlecht und recht, die wir in Bürger's GedichtDer brave Mann und, nach Luther's überſetzung, zu Anfang des Buchs Hiob leſen; vgl. auch Jeſ. 40, 4:Was höckericht iſt, ſoll ſchlecht werden; wo einige unſerer Ausgaben das Wortſchlecht durchgerade erſetzt haben.

**) So in manchen bibliſchen Stellen, z. B. Matth. 6, 22:Wenn dein Auge einfältig iſt, ſo wird dein ganzer Leib licht ſein. Ebenſo in einem bekannten Gedichte von Claudius(Der Mond iſt aufgegangen): Laß uns einfältig werden. Vgl. das griech. sdnSns, das lat. simplex, das franz. bon in bonhomme, und ſelbſt das deutſche Wort gut und gutmüthig.

***) Nibelungenlied(Ausg. v. Lachmann 1841) I. 33: die wisen heten reht daz si den tumben dienden, als in was é getân. I. 36: Von wisen und von tumben(§lteren und Jüngeren) man horte manegen stoz.