2 lernen; denn die meisten Menschen gehen an den Gegenständen vorbei, reisen durch eine Gegend, und was wissen sie schließlich zu perichten? Wie kommt das? Das plastische Sehen ist eben nicht in dem gleichen Maße geschult, wie das abstrakte Denken. Sodann hat das UÜbermaß des Ringens und der Errungenschaften der modernen Kulturarbeit eine Unruhe und Nervosität der Menschheit erzeugt, welche oft ein Gefühl des Unbehagens, der Bedürftigkeit von Ruhe und Sammlung in unseren Herzen aufquellen läßt. Auch die Schule hat an dieser Hast teilgenommen. Das fortwährende Schwanken in den Methoden selbst der althergebrachten Gegenstände; die Darbietung aller festen Ergebnisse der Naturwissenschaften und auch mancher Hypothesen der- selben, das Anschwellen des geschichtlichen Lehrstoffes sind einzelne Punkte aus diesem Treibhause.
Sollen wir nun auf unserem Entwickelungsgange einhalten oder gar umkehren? Kein Vernünftiger wird das wollen oder für möglich halten. Aber gewißz müssen wir in der fort- schreitenden Entwickelung Ruhepausen hal ben, Ruhesitze des Aufatmens und der Betrachtung des zurückgelegten Wegstückes, wo wir das endlos Vorüberrauschende in ruhige und beruhigende Einzelbilder zerlegen können. Und sollte das der älteren Generation und den Erwachsenen nicht mehr oder wenig möglich werden, so müssen wir doch um der Fortdauer unseres Geschlechtes willen es der Jugend, besonders der Schuljugend, zu verschaffen wissen. Das Mittel dazu geben uns aber weder die Wissenschaften mit ihrem Forschungsdrange, noch die zeitlichen Künste mit ihrer Beweglichkeit, wie sie besonders die moderne Musik zeitigte; vdgen einzig die räumlichen Künste mit ihrem Nebeneinander und den in ihrem Wesen liegenden abgerundeten Bildern. Erst wenn dieser Charakter allen Gegenständen unseres Schulunterrichtes aufgedrückt wird, ist wieder ein ruhiger, gemütreicher, herzlicher Unterricht möglich. Sicherlich liegen solche Gedanken manchen neueren Verfügungen unserer hohen Schulbehörden zu Grunde; ganz klar ist das der Fall bei der Empfehlung einer maßvollen Verwertung des Zeichnens in anderen Unterrichts- fächern; denn bei der Befolgung dieses Rates wird unwillkürlich das Prinzip der räumlichen Künste auf andere Fächer fibertragen. Vor allen Dingen muß natürlich der dies Prinzip rein vertretende Zeichenunterricht gepflegt werden.
Aber wird denn nicht Kunst und Kunstgewerbe bei uns eifrig gefördert? Haben wir nicht reich dotierte Akademien, Kunstschulen, Kunstgewerbeschulen und Museen? Gewib; aber sind wir mit diesem großen und kostspieligen Apparat viel weiter gekommen? Wir haben allen- falls eine Luxuskunst, aber keine Volkskunst gewonnen. An dem modernen Kunstgewerbe ist etwas Unsolides, für das wirkliche Leben nicht Brauchbares. Man flüchtet sich im besten Falle zu ihm, um die Augen an den fremdartigen, reizenden Formen und Farben zu weiden; aber unser eigentliches Leben ist mit diesen Prunkstuben, diesen Butzenscheiben und Prunkgegen- ständen wenig verknüpft, wenn wir nicht Prunksucht und Protzentum als unser eigentliches Leben bezeichnen wollen. Das moderne Kunstgewerbe ist eine Sklavin des Reichtums. Dennoch kann niemand wünschen, daß dies Luxuskunstgewerbe ausgerottet werde, nachdem es eben mit unsäglicher Mühe und großem Kostenaufwande geschaffen ist. Wir müssen nur erstreben, daß neben dieser Luxuskunst der Reichen eine Volkskunst für die weniger Bemittelten, ja auch für die Armen tritt. Man hat eine Volkskunst schaffen wollen, indem man Nachahmungen von Vor- bildern der Luxuskunst als billi lige Massenartikel fabrikmäßig herstellte und in allen Läden bis hinab zu den Fünfzigpfennigbazaren jedermann anbot. Was So entstand, ist in den meisten Fällen Schund. Sein Kennzeichen ist Imitation: Stuck als Marmor oder Holz, Papier als Stuc k, Zinkguß als Bronze; Schwindel fiberall statt Wahrheit; es ist ein Gewerbe der Würdelosigkeit. Und das kann nicht pesser werden durch eine neue Kurreise durch alle historischen Stilarten,


