Aufsatz 
Die räumlichen Künste in der Schule
Entstehung
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Die räumlichen Künste in der Schule.

Kunst hat keinen Feind, denn der's nicht kann.

Der gegenwärtige Augenblick, in welchem das Ringen nach einer Umgestaltung des öffentlichen Schulwesens weite Kreise ergriffen hat, weil eine solche Umgestaltung den Fort- schritten des öffentlichen Lebens gegenüber eine Notwendigkeit geworden ist, mag wohl geeignet sein, einen Zweig des Schulunterrichtes, der offenbar berufen ist, in Zukunft einen wesentlicheren Teil desselben auszumachen, etwas genauer und von einem möglichst hohen und festen Stand- punkte aus zu betrachten: das Zeichnen.

Noch ist zwar der Kampf um den Zeichenunterricht in der öffentlichen Schule nicht dem Frieden gewichen. Wohl sind die Fundamente dieses Gegenstandes fest gelegt, und ein- sichtsvolle Pädagogen bauen und verteidigen seine Mauern; aber gerade die Waffen in den Händen der Bauleute beweisen, daß noch in weiten und sonst maßgebenden Kreisen aus Unkenntnis erwachsene Mißachtung gegen denselben herrscht. Dazu kommeu aus den Reihen der Fach- männer selbst Stimmen, welche nicht nur einen beschleunigten Weiterbau, sondern auch einen Umbau befürworten, und endlich drängt aus weiten und rührigen Kreisen des Publikums die Forderung und Förderung eines neuen, verwandten Unterrichtszweiges, des Handfertigkeitsunter- richtes, sich an die Pforte der Schule. Das sind Gründe genug, um Schule und Lehrer immer wieder zu veranlassen, sich gerade diese Seite der Erziehung recht genau anzusehen und zu prüfen. Das Folgende möchte ein Beitrag zu solcher Betrachtung sein und auch die verehrten Eltern unserer Schüler zu solcher Prüfung auffordern, um so zu Klärung und Festigung der Sachlage zu dienen.

Wenn eben behauptet ist, dafß die Schulreform eine notwendige Folge der Umgestaltung des öffentlichen Lebens sei, so sollen hier nur diejenigen Gründe dieser Behauptung angeführt werden, welche einen Ausblick auf die Gestaltung unseres Gegenstandes eröffnen.

Die Schule verdankt nicht nur ihre Entstehung den Forderungen der realen Lebens- mächte in Kirche, Staat und Gemeinde, sondern sie hat sich auch immer bequemen müssen, in ihren Unterrichtsfächern diesen Forderüngen Rechnung zu tragen. Das ist recht und billig. Wenn die Neuzeit andere Forderungen an den Kulturmenschen stellt, so muß eben ein Teil der bisherigen Unterrichtsgegenstände ausgeschieden werden, und andere treten an ihre Stelle. Dieser Prozeß vollzieht sich langsam, aber stetig vor unseren Augen, und auch vielfache Rück- fälle ändern an dem Endergebnis nichts. Nun erfordert aber nicht nur das riesenhafte Verkehrs- leben und der durch dieses geförderte Betrieb der neueren Sprachen, sondern noch mehr das Studium der Naturwissenschaft und der darauf ruhende Betrieb der Technik ein eingehendes Betrachten und Beobachten der uns jetzt umgebenden Körper und Erscheinungen und ebenso ein Nachbilden derselben; daher kann das Zeichnen, d. i. das bewußte Sehen und die Fähigkeit der Darstellung von dem modernen Menschen nicht entbehrt werden. Das muß man aber erst

Wöhlerschule 1893. 1