Aufsatz 
Voss' Luise und die Entwicklung der deutschen Idylle bis auf Heinrich Seidel
Entstehung
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daher Maler Müller für die bäurische Welt seiner Idyllen den Vers als eine lästige Fessel, so wurde er für Voſs, der den Stoff über die platte Alltäglichkeit hinausheben wollte, zum treibenden Sporn, um auch den Inhalt zu heben. Freilich lag so das sei hier gleich hinzugefügt die Gefahr nahe, inhaltsleere Phrasen oder Attribute zur Rundung und Füllung des Verses herbeizuschleppen. ¹) Bezeichnend ist es, daſs er gerade den Hexameter ver- wendet. Kein Zweifel, daſs hier nicht bloſs der Einfluſs Theokrits, der denselben Vers abgesehen von einer Stelle ausschliefslich gebraucht, sondern auch ganz be- sonders der Homers maſsgebend gewesen ist. Denn eben diesem Dichter, mit dem sich Voſs fast sein ganzes Leben hindurch eindringend beschäftigte, fehlt es bekanntlich keines- wegs an idyllischen Episoden.Ein ruheseliger Geist, sagt Erwin Rohde ²),zieht wie in einer Unterstréömung durch das ganze Gedicht(die Odyssee) und hat sich inmitten der bewegten Handlung überall seine Erholungsstätten geschaffen. Wo die Wünsche des Dichters rechte Gestalt gewinnen, da zeigen sie uns Bilder idyllisch sich im Genuſs der Gegenwart genügender Zustände, glänzender im Phäakenlande, froh beschränkter auf dem Hof des Eumäos, Scenen friedsamen Auslebens nach den nur noch in behaglicher Erinnerung lebenden Kämpfen der ver- gangenen Zeit, wie in Nestors Hause, im Palast des Mene- laos und der wiedergewonnenen Helena. Oder Schilderung einer freiwillig milden Natur, wie auf der Insel Syrie, der Jugendheimat des Eumäos, auf der in reichem Besitz an Herden, Wein und Korn ein Volk lebt, frei von Not und Krankheit bis zum hohen Alter, wo dann Apollo und Artemis mit sanften Geschossen plötzlichen Tod bringen. Auch ist esein idyllischer Wunsch, der sich in der Phantasie des elysischen Landes befriedigt. Das Glück der zu ewigem Leben Entrückten schien nur dann völlig gesichert, wenn ihr Wohnplatz aller Forschung, aller vordringenden Erfahrung

¹) S. Bielschowsky, Goethe I. S. 444. ²) Psyche. Seelenkult und Unsterblichkeitsglanbe der Griechen. 2. Aufl. Bd. I. S. 82.