Aufsatz 
Das Verhältniß des Isokrates zur Sophistik / von Theodor Klett
Entstehung
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Das Verhältniß des Iſokrates zur Sophiſtik.

Daß Oirye im allgemeinen Sprachgebrauch des fünften und vierten Jahrhunderts vor Chriſtus eine weitere Bedeutung hatte als diejenige, welche Plato und Ariſtoteles und nach ihrem Vorgang die meiſten neueren Forſcher auf dem Gebiet der griechiſchen Philoſophie mit dem Wort verbinden, das iſt allgemein zugeſtanden. Die Frage iſt nur, ob Plato und Ariſtoteles ein Recht hatten, dem Begriff des Sophiſten eine ſo ſpezifiſche Faſſung zu geben, wie ſie thaten, oder, da die zufällige Bedeutung des Wortes Sophiſt nicht das Entſcheidende ſein kann, ob wirklich unter denen, welche der populäre Sprachgebrauch als Sophiſten bezeichnete, ſich eine beſondere Claſſe mit den bekannten Tendenzen, wie ſie Plato und Ariſtoteles ihren Sophiſten zuſchreiben, herausgebildet hat. Daß dem nicht ſo ſei, daß man kein Recht habe, unter Sophiſten etwas anderes als Lehrer allge⸗ meiner Bildung zu verſtehen, daß dieſe Lehrer im Allgemeinen das lobenswerthe Ziel, praktiſch brauch⸗ bare Männer heranzubilden, mit lobenswerthen und zweckentſprechenden Mitteln verfolgt haben, und daß, was hierin etwa Einzelne verſehen haben mögen, nicht dem ganzen Stand zugeſchrieben werden dürfe, ſucht bekanntlich Grote in ſeiner Geſchichte Griechenlands nachzuweiſen, und er beruft ſich dafür auf Iſokrates, ſpeziell auf ſeine Rede regi Ayridégsoc: Iſokrates, ſagt er, bezeichne ſich hier ſelbſt als einen Sophiſten, wie er denn in Wahrheit auch einer geweſen ſei; eben damit ſei aber der klare Beweis geliefert, daß die Sophiſten das nicht geweſen ſein können, was ſie nach der gewöhnlichen, durch Plato und Ariſtoteles irregeleiteten Anſchauung geweſen ſein ſollen.

In der That ſcheint der konſervative Iſokrates, der nicht müde wird, die gute alte Zeit, die Tugenden der Frömmigkeit, Gerechtigkeit und weiſer Mäßigung zu preiſen, mit dem aufkläreriſchen, zerſetzenden, frivolen Charakter, der den Sophiſten in Bauſch und Bogen gewöhnlich zugeſchrieben wird, gar nichts gemein zu haben. Wenn alſo Iſokrates ſich ſelbſt zu den Sophiſten zählt, ſo kann man mit Grote daraus folgern, daß man die aus Plato und Ariſtoteles geſchöpfte Anſchauung von dieſen Leuten zu berichtigen habe; man kann aber auch fragen, ob das Verhältniß, in welches ſich Iſokrates zu dieſen ſeinen Berufsgenoſſen ſtellt, wirklich derart ſei, daß dadurch die Exiſtenz einer Sophiſtik, wie ſie Plato und Ariſtoteles ſchildern, das heißt einer in weiteren Gelehrtenkreiſen herrſchenden, in ihren Anſchauungen ſubjektiviſtiſch⸗negativen, kaſuiſtiſch⸗ſkeptiſchen und in ihren Erfolgen deſtruktiven Richtung ausgeſchloſſen würde. Und man kann weiter fragen, ob nicht bei Iſokrates ſelbſt ſich deut⸗ liche Spuren eines Einfluſſes zeigen, der ihn häufig genug in Widerſpruch mit den von ihm vertretenen Grundſätzen zu bringen droht, und der, je weniger er andrerſeits auf die öffentliche Meinung von Athen zurückgeführt werden kann, um ſo gewiſſer auf einen beſtimmten Charakter der Berufsgenoſſen des Iſokrates als ſeine Urſache zurückweist. Auf dieſe beiden Fragen ſoll im Folgenden verſucht werden, aus den Schriften des Iſokrates durch eine Darlegung von deſſen eigenem Standpunkt eine Antwort zu erhalten.

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