2
Die drei Hauptberichterstatter stehen sämtlich auf der Seite von Heinrichs Gegnern. Bruno hat sein Buch von durchaus sächsischem Standpunkte geschrieben, wobei er oft genug auch sich bitter tadelnd über die in Rom vom Papst Gregor VII. beliebte Politik ausspricht. Heinrich ist ihm der exrex; die bedeutendste Rolle spielt bei ihm Otto von Nordheim, und dessen Verdienste werden bei jeder Gelegenheit, häufig wohl in übertriebenem Grade, hervorgehoben; besonders die Darstellung der Schlachten ist darauf berechnet, zu zeigen, wie einzig durch Ottos Verdienst die Siege errungen worden seien. Berthold und Bernold dagegen, von denen der erstere diese Zeit am eingehendsten behandelt, stehen durchaus auf Seiten des Papstes. Alles was der Papst thut, wird von ihnen gebilligt, und jedesmal betonen sie die Bereitwilligkeit Rudolfs und seiner Anhänger, sich den Anordnungen des Papstes zu fügen. Von dem trotzigen Selbständig- keitsgefühl des Sachsen Bruno findet sich bei ihnen keine Spur. Berthold nennt Heinrich IV. zwar noch fortwährend rex, doch Regierungsjahre desselben rechnet er nur 20.*) Bernhold nennt Heinrich seit der Wahl Rudolfs überhaupt nicht mehr reæx, sondern lässt eine Bezeichnung ent- weder ganz fort oder fügt emulus Feoudolfi hinzn; nur wenn von Heinrich und Rudolf zugleich die Rede ist, findet sich der Ausdruck uterque rex. Einig sind alle drei in ihrem Urteil über Heinrich IV., dem sie alle möglichen Untugenden nachsagen. Fortwährend reden sie von seiner Treulosigkeit, Verschlagenheit, Grausamkeit, Pländerung der Kirchengüter u. s. w., und finden nicht Worte genug, ihn deswegen zu verdammen; dass aber die Ihrigen dasselbe thun und be- sonders in der Grausamkeit gegen die Besiegten“**) viel weiter gehen, können sie zwar nicht verschweigen, finden aber kein Wort des Tadels darüber. Man merkt eben aus allem, was sie sagen, ihre Voreingenommenheit und Abneigung gegen Heinrich heraus. Deshalb muss man aber bei der Benutzung derselben zu geschichtlichen Untersuchungen sehr vorsichtig sein und niemals ausser Acht lassen, dass sie bei allem das was Heinrich gethan im schlechtesten, was aber seine Gegner vollbracht haben, im besten Lichte darzustellen von vornherein beabsichtigen. Bemerkenswert ist noch, dass Berthold sowohl wie Bernold in ihren Berichten über diesen Zeitabschnitt Otto von Nordheim, der doch eine so grosse Rolle in sämtlichen Schlachten dieses Zeitraums spielt, gar nicht erwähnen; wie denn überhaupt gerade die Schlachtenberichte bei ihnen am wenigsten Anspruch auf Glaubwürdigkeit machen können und kein tieferes Verständnis der Kriegsweise verraten. Dagegen ist Berthold sehr genau mit dem Gang der Verhandlungen und den Beweggründen der dieselben leitenden Personen vertraut und gewährt ausserdem auch für die Kämpfe in Süddeutschland, über die Bruno so gut wie gar nicht unterrichtet ist, den besten Aufschluss.
Die annales Augustani sind von einem Anhänger Heinrichs verfasst und deshalb von nicht zu unterschätzender Wichtigkeit, wenn sie auch an Ausführlichkeit und Reichhaltigkeit des Inhalts weit hinter den eben erwähnten Werken zuräckstehen. Noch weniger Material bieten die andern oben genannten Quellen dar, nur hin und wieder sind einzelne Notizen der- selben für unsere Untersuchung von einigem Nutzen.
Als Heinrich IV. in Canossa vom Banne gelöst war und noch, um die Verhältnisse in der Lombardei zu ordnen, in Italien verweilte: traten die deutschen Fürsten, welche in der
*) cfr. Bertholdi annales, Mon. Germ. 8S. V. zum Jahre 1056.
**) cfr. Bernoldi chronicon, Mon. Germ. SS. V. p. 435 und Berthold V. p. 312 über die Scheusslichkeiten, die von Rudolfs Anhängern an den besiegten und gefangenen Bauern begangen wurden: vartim occiderunt, plurimos autem misericordius castigando eunuchizaverunt.


