Die attiſche Kleruchie.
Der Wert der Kolonien, der in unſerm Vaterland erſt in der allerneuſten Zeit allgemeiner ver⸗ ſtanden wird, iſt von den bedeutendſten Seevölkern des Altertums ſchon in vollem Maße erkannt worden. Die Begründer der Kolonien, die Phöniker, durch die geringe Ausdehnung des ſchmalen Küſtenſtrichs, den ſie bewohnten, zuerſt zur Ausſendung der ſtark anwachſenden Bevölkerung von der Natur gedrängt, benutzten die neuen Anſiedelungen bald dazu einen gewinnreichen Seehandel zu eröffnen, und demſelben durch Erſchließung neuer Wege und Abſatzgebiete ſowie durch Einführung neuer Artikel einen immer großartigeren Aufſchwung zu geben. Nachdem dann die Griechen mit jugendlichem Eifer in dieſelbe Bahn eingetreten waren und ihre Lehrmeiſter bald überflügelt hatten, erwuchſen der Koloniſation mit dem Fortſchreiten der Kultur immer neue Ziele, dem koloniſierenden Volke immer weitere Vorteile und lockendere Ausſichten auf Vermehrung ſeines Reichtums und Erweiterung ſeines Machtgebietes. Dieſe Koloniſation, an der ſich alle griechiſchen Stämme, am thätigſten aber die beweglichen, unternehmungs⸗ luſtigen Joner beteiligt hatten, war mit dem Beginne der Perſerkriege im weſentlichen vollendet; nur ganz vereinzelt kommen nachher noch ſolche Gründungen vor, wie z. B. 443 die von Thurii in Italien als Erſatz für das zerſtörte Sybaris. Dafür trat aber jetzt im 5. Jahrh.(die Anfänge reichen ſchon bis ins 6. Jahrh. zurück) eine neue Art von Kolonien an ihre Stelle, die von den Athenern erfunden und häufig in Anwendung gebracht wurde, die ſogenannten Kleruchien, von deren Umfang und Bedeutung die folgende Abhandlung ein Bild zu geben verſuchen will*).
Bei der früheren Art von Anſiedelungen war eine Kolonie, ſobald ſie den heimatlichen Boden iläſſei hatte, 85 ſich ſebſt angewieſen; ſie verfolgte ihre eigenen Intereſſen, die denen der Mutterſtadt
*) Außer den Quellenſchriftſtellern und den allgemeinen Werken über Griechiſche Geſchichte und Griechiſche Altertümer ſind vorzugsweiſe folgende Werke benutzt worden: Böckh, Staatshaushaltung der Athener.— Conze, Reiſe auf den Inſeln des thrakiſchen Meeres.— C. Curtius, Inſchriften und Studien zur Geſchichte von Samos.— Foucart, Mémoire sur les colonies athéniennes.— A. Kirchhoff, Über die Tributpflichtigkeit der attiſchen Kleruchen.— Knoll, Die Anſiedelungen der Athener im fünften Jahrhundert.— U. Köhler, Urkunden und Unterſuchungen zur Geſchichte des deliſch⸗attiſchen Bundes.— U. Köhler, Attiſcher Volksbeſchluß aus dem ſechſten Jahrhundert.(In den Mitth. d. deutſchen arch. Inſt. in Athen 13„ 22 117 ff).— U. Köhler, über zwei atheniſche Vertragsurkunden.(In den Mitth. d. deutſchen arch. Inſt. in Athen I, S. 184 ff).— Sauppe, Die Stiftungsurkunde von Brea,(In den Ber. der Kgl. Sächſ. Geſ. d.
Wiſſ. 1853, S. 35 ff). 1


