Aufsatz 
Das Bildungsideal der Romantik
Entstehung
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So wird der Aufbau und Ausbau des inneren menschlichen Wesens, den man in dem WorteBildung begriff, am Ende des 18. Jahrhunderts als höchster Persönlichkeitswert erfaßt. Gewaltige Impulse hatte der allgemeinen Zeitrichtung Goethes großer RomanWilhelm Meisters Lehrjahre gegeben. Hier hatte ein ausgereifter Dichtergeist von der Höhe viel- seitiger Lebenserfahrung aus die Bildung der Persönlichkeit in umfassender Weise dargestellt; in dem Helden, einem humanen Schöngeist, der ganz von dem Streben sich zu bilden ohne Rücksicht auf einen praktischen Beruf getrieben wird, fand die Jugend jener Zeit sich selbst geschildert. Mit überschwenglichen Worten pries Fr. Schlegel den Roman in einer geistvollen Rezension als ein schlechthin neues und einziges Buch, dem gegenüber jeder Maß- stab fehle, als das Werk zugleich eines göttlichen Dichters und eines vollendeten Künstlers. Er sieht in dem Buch neben Fichtes Wissenschaftslehre und der französischen Revolution eine der großen Tendenzen desZeitalters. Aus Goeèthes Dichtung klang es der jungen, von ihrem einzigartigen menschlichen Wert erfüllten Generation entgegen:Was hilft es, gutes Eisen zu fabrizieren, wenn mein eigenes Innere voller Schlacken ist? und was, ein Landgut in Ordnung zu bringen, wenn ich mit mir selber uneins bin?¹ Das hieß: Alles, was du tun kannst, ist nicht so wesentlich, als was du bist. Was du äußerlich leisten und gewinnen kannst, ist nicht so wertvoll als die Harmonie der Persönlichkeit.

Aber dieser Bildung, die vorwiegend aus der Welt der Dichtung ihre Ideale schöpfte, haftete doch eine gewisse Einseitigkeit an. Die Prinzipien der Selbstgestaltung, nach denen die Persönlichkeit sich formte und formen sollte, waren der ästhetischen Welt, dem Kunst- schaffen entnommen. Hier sind die Gesetze der Harmonie und der Schönheit maßgebend. Aber der Mensch gehört noch einer anderen Sphäre an, der sittlichen Welt. Das Schöne ist nicht ohne weiteres das Gute. Diese Erkenntnis brach sich in voller Stärke Bahn, nachdem Kant das Gewissen der Zeitgenossen auf die hohen Forderungen der Sittlichkeit gerichtet hatte und Fichte neben die beherrschende Stellung, die er dem Ich einräumte, zugleich sein strenges: Du sollst! setzte. Es mußte ein Bildungsideal gefunden werden, das die dichterische und die sittliche Welt organisch verband, das die Aufnahme und Verarbeitung des ganzen Lebensreichtums von den sittlichen Tiefen des menschlichen Wesens her bestimmte. Ein solches Ideal hat sich erst aus der Innerlichkeit romantischer Lebensauffassung gestaltet, das Ideal der ethischen Indvidualität.

Der Theologe Schleiermacher, der Freund Fr. Schlegels und Mitarbeiter amAthenaeum, ließ am Anfang des Jahres 1800 eine merkwürdige kleine Schrift erscheinen, die Monologen. Er hatte die Absicht, in der Form des Selbstgespräches zunächst für den Kreis seiner Freunde die Idee des eigenen Lebens, sein individuelles Ich darzustellen. Ihn trieb, wie er in einer Briefstelle sagt, nicht der Gedanke an eine bestimmte Wirkung, sondern die unbezwingliche Sehnsucht sich auszusprechen, ohne Absicht, so ganz ins Blaue hinein. Die Monologen sind also ein überaus subjektives Buch, dazu sind sie in etwas gekünstelter, stark rhetorischer Sprache verfaßt; aber sie gewinnen den größten und allgemeinsten Wert für das Bildungs- problem, weil sie das zielbewußte Selbstgestalten einer willensstarken, ethisch feinfühligen und besonnenen Persönlichkeit darstellen. Dilthey? sieht in ihnendas Ergebnis der inneren selbständigen Entwicklung eines großen Charakters, und Haymè findet hierein Ideal auf- gestellt, von weiterer Geltung als das unserer großen Dichter, von reicherem Gehalte als das

i Vgl. Wilhelm Meister, V. Buch, 3. Kap. ² Dilthey, Leben Schleiermachers I. S. 450. ³ Haym, romantische Schule. 2. Aufl. S. 545.

Außer diesen beiden grundlegenden Werken ist noch in Betracht gezogen: Ric. Huch, Blütezeit der Romantik, 4. Aufl. 1911. M. Joachimi, Weltanschauung der Romantik, 1905. 0. Walzel, Deutsche Romantik, 1908. E. Fuchs, Vom Werden dreier Denker, 1904. G. R. Klepl, Die Monologen Friedr. Schleiermachers und Fr. NietzschesJenseits von Gut und Böse. Diss. 1901.