Aufsatz 
Ekkeharti IV. Sangallensis uersus ad picturas domus domini Mogontine : aus dem Codex Sangallensis 393 mit Eckeharts eigenen Glossen / hrsg. und erläutert von Jos. Kieffer
Entstehung
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V. 35(labrum) ab nicht mehr notirt. ¹) Auch die zuerst gut und deutlich eingeschriebenen Textv rse sind vielfach durch spätere Nachträge, Correcturen und Rasuren, die oft das Pergament durchlöcherten, sehr schwer lesbar resp. ganz unlesbar gemacht. Die Verse, die Ekkehart beim ersten Abschreiben übersah und gleich beim Ueberlesen des Geschriebenen mit schwarzer Dinte in kleineren Lettern in oder ausserhalb der Colonne nachtrug resp. corrigirte, habe ich ohne Vorzeichen aufgenommen, dagegen die mit derselben gelben Dinte und, wie mir scheint, zur selben Zeit wie die Glossen geschriebenen Verse mit* versehen. Nicht wenige Verse aus dem im Codex vorangehenden liber benedictionum sind wörtlich oder wenig verändert in unseren Inschriftenkreis herübergenommen worden, so dass unsere Samm- lung an vielen Stellen als ein Auszug der Benedictionen erscheint, jener Jugendgedichte Ekkehart's, die er im Nachlasse seines grossen Lehrers Notker fand und abschrieb. Unsere Inschriften sind leoninische Hexameter und in lateinischer Sprache geschrieben. Nur ein deutsches Wort findet sich darin, nämlich scräto, Schröter, über dem incubitor(V. 789), welcher die Frau des Pilatus plagt.

Was nun den Werth dieser Verse betrifft, so äusserte sich Ildephons von Arx darüber fol- gendermassen:Ex verbis et sententiis horum(veterum scriptorum) et aliorum opus suum consuit et in formam leoninorum coegit, tam infelici successu, ut ni ipse notis interlinearibus dicta explicaret sensum eorum nemo facile assequeretur. Dieses Urtheil ist in seiner Allgemeinheit zu hart und ungerecht, da oft gerade die Glossen mehr der Erklärung bedürfen, als der bei einiger Vertrautheit mit der Vulgata, den Homilien des Origines, dem Commentar des Hieronymus etc. an den meisten Stellen nicht unverständ- liche Text. Nicht geringe Förderung des Verständnisses bieten auch die im Codex vorangehenden Bene- dictiones, von denen ich mir leider nur einige 40 Seiten abschreiben konnte. Doch habe ich aus dem ganzen Codex nach Dümmler's Vorgang diejenigen Belegstellen angezogen, welche für Sicherstellung des Textes oder des Verständnisses passend erschienen. Treffender ist Dümmler's Kritik I. I. p. 11, wo er nach einem Urtheil über das ermüdende Versmass, von dem Ekkehart selbst im Prolog sagt:compes stet numerus und über die Lahmheit mancher Verse fortfährt:An Wiederholungen im Gedanken und Ausdruck fehlt es nicht, von poetischer Schönheit ist bei dieser mühseligen Reimerei gar nicht zu reden, die Sprache ist hölzern und oft durch Künstelei dunkel, jedoch(1. l. p. 9) unter dem fremden Gewande nicht selten deutsches Gepräge verrathend. Es trifft eben hier ein, was Dr. Hüffner in seiner Uebersetzung von Thangmar's Leben des hl. Bernward p. XVIII der Vorrede über den Gebrauch der lateinischen Sprache in den Schriften jener Zeit so schön bemerkt hat.Es war wohl ein unermess- licher Vortheil, heisst es dort,dass dem jungen, im Denken und Schreiben noch so ungeübten Zeit- alter eine fertige, auf's Feinste durchgebildete Sprache zum Ausdruck seiner Gedanken gleich sich darbot. Aber man möchte doch oft zweifeln, ob er für die Hemmnisse Ersatz gebe, die der Entwickelung unserer eigenen Sprache und dem selbstständigen Ausdruck des Gedachten daraus erwachsen sind. Wenigstens füllt es in den Schriften jener Zeit häufig auf, wie ein an sich feiner und geistvoller Gedanke, der in der angeborenen deutschen Tracht vielleicht sehr anmuthig und frei hervorgetreten wäre, durch diese

fremde Hülle wie durch einen bleiernen Mantel zu Boden gedrückt und verkümmert ist.

Es bleibt mir noch die angenehme Pflicht übrig, dem Hochwürdigsten Herrn Bischof Dr. Greith und Herrn Stiftsbibliothekar Idtensohn von St. Gallen, dem Herrn Domcapitular und Regens Dr. Moufang, meinem Collegen Herrn Schlenger und Herrn Stadtbibliothekar Dr. Velke von Mainz meinen aufrichtigsten Dank abaustatten für die grosse Zuvorkommenheit, deren ich mich bei der neuen Bearbeitung dieses Werkchens von ihrer Seite zu erfreuen hatte.

MAINZ, 2. Juni 1881.

OCCCOCCQD:.:

¹) Die erklärenden Noten mussten des knappen Raumes wegen auf ein bescheidenes Mass beschränkt werden. Aus dem- selben Grund wurden oft die Zahlencitate für Stellen aus der Bibel, Origines, Josephus etc., in Klammern() den Glossen beigedruckt.