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—„Nein, übereile Dich auch nicht.
Ich kenne dich, dem edlen Herzen könnte
Die schwerste Pflicht die nächste scheinen. Nicht
Das Große, nur das Menschliche geschehe“. oder auch die bekannten Verse Picc. I, 4, 463:
„Mein sohn, laß uns die alten engen Ordnungen
Gering nicht achten! Köstlich unschätzbare
Gewichte sind's, die der bedrängte Mensch
An seiner Dränger raschen Willen band;
Denn immer war die Willkür fürchterlich ꝛc. oder W. I. I, 6:
„Die Treue, sag' ich Euch,
Ist jedem Menschen wie der nächste Blutsfreund!“ könnten wohl als Ergebnisse jener gräßlichen, geschichtlichen Lehre angeSProchen werden. Doch lege ich ihnen kein Gewicht bei und lasse auch eine Reihe anderer Belegstellen als weniger belangreich beiseite. Nur einen Beweis, wie tief die Ein— drücke jener Taten und Reden in schillers seele hafteten, muß ich noch anfügen, der zwar mit Maria stuart in sehr loser Verbindung steht, aber der AusgangSPunkt dieser ganzen Arbeit gewesen ist.
Im Demetriusfragment, wenige Wochen vor seinem Tode, läßt schiller seinen sapieha auf die Mahnung des Kron— marschalls sich doch der Mehrheit fügen zu wollen sein Veto in die Reichsversammlung schleudern, begleitet von den viel— zitierten Worten:
—„Die Mehrheit! „Was ist die Mehrheit? Mehrheit ist der Unsinn. Verstand ist stets bei wen'gen nur gewesen!“
Dieser AusSPruch nebst dem wenige Zeilen weiter folgen—
den Verse:
„Man muß die stimmen wägen und nicht zählen“
ist in den SPruchschatz des deutschen Volkes längst über—⸗ gegangen. Büchmann in seinen geflügelten Worten verweist dazu auf Wielands Abderiten(5, 3, 1774):„es kommt nicht auf maiora, sondern auf saniora an“; ferner auf schillers oben schon erwähnten Vers aus Maria stuart:„Nicht stimmenmehrheit ist des Rechtes Probe.“ A. Fried im


