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und schließlich der Gestalter der Ideale seines Volkes wird. Das erschütterndste aber von allen jenen erschütternden Er— eignissen war, daran kann doch kein Zweifel sein, der sturz, der Prozeß und die Hinrichtung Ludwigs XVI. für die da⸗ malige Welt und für schiller insbesondere, wie das ja sein Versuch einer Verteidigung des Königs und sein obenerwähntes entrüstetes Wort von den„elenden schinderknechten“ beweisen.
Wäre es nun ein Wunder, wenn das Ereignis, das vor allem diese Wandlung in seiner Entwickelung hervorgerufen und deren Höhepunkt bezeichnet, auch auf seinem Hauptgebiete, dem dramatischen, seine unverkennbare Wirkung geübt hätte?
Nun hat man ja derartige Einflüsse längst behauptet. Dumouriez mit seinem verunglückten staatsstreich wird von Goethe selbst zu Wallenstein in Beziehung gebracht. Bei jenem„Kampf gewaltiger Naturen um ein bedeutend Ziel, wo um der Menschheit große Gegenstände, um Herrschaft und um Freiheit, wird gerungen“, hat man an Buonaparte gedacht; selbst von einer gewissen Einwirkung des französischen KönigSProzesses auf die Theklaszene(W. J. 3. Akt.), auf die milde Verklärung Maria stuarts und das strenge Gericht über Elisabeth und über Johann Parricida, den Königs⸗ mörder, ist die Rede gewesen(Palleske, schillers Leben und Werke, 5. Aufl., 2. Band, s. 259 v. o., 261 f.); aber daß die Königstragödie von 1792 fast mit Notwendigkeit in der seele des Dichters einer Maria stuart lebendig werden mußte, habe ich nirgends in den mir zugänglichen Werken erwähnt gefunden. Und doch liegt die Verwandtschaft beider stoffe: Vernichtung eines seiner Hoheit entkleideten, gefangenen, im Grunde guten, in juristischem sinne unschuldigen und doch wieder nicht vor— wurfsfreien SPrößlings eines alten Herrscherhauses durch eine fanatische, heuchlerische, erbarmungslose Gegenpartei unter Ver⸗ letzung aller Rechtsformen— so nahe und deutlich vor Augen, daß es wunderbar wäre, wenn in der Menge mir unerreich— barer schillerliteratur der Gedanke nie aufgetaucht sein sollte. Und doch scheint es in der Tat nicht der Fall zu sein, da der eifrige sammler Heinrich Düntzer in den Erläuterungen zu den deutschen Klassikern 19. 20 6. Aufl. Maria stuart


