— 23.—
ehrenwerther, unbeugsamer Charakter. Unter Charakter in demjenigen Sinne, in welchem er hier in Betracht kommt, versteht man die Festigkeit und Beständigkeit der Richtung im Denken, Empfinden und Handeln. Ist die Richtung eines Menschen im Denken und Empfinden eine gute, und besitzt zugleich auch sein Wille die erforderliche Kraft, der Erkenntniss stets die That folgen zu lassen, so rühmen wir diesen Menschen mit Recht einen guten und festen Charakter nach. Da nun aber die Richtung des Denkens von der Bildung des Verstandes, und die Richtung des Empfindens von der Bildung des Herzens abhängt, und da die richtige Cultur des inneren Menschen nach diesen beiden Seiten hin zugleich die nothwendige Voraussetzung einer vernünftigen religiös-sittlichen Bildung ist, so erkennt man leicht, dass religiös-sittliche Bildung und Charakterbildung im Allgemeinen auf einem und demselben Wege erlangt werde, und dass, wie eine jede religiöse Erziehung, welche die Charakterbildung ausschliesst oder gar auf Verkümmerung des Charakters hinarbeitet, verwerflich erscheint, so auch ohne eine vernünftige, auf richtiger Erkenntniss beruhende und von reinen Gefühlen getragene religiöse Ueberzeugung von der Bethätigung eines achtungswürdigen Charakters nicht leicht die Rede sein könne. Und je mehr die religiöse Ueberzeugung eines Menschen der Wahrheit sich nähert, und je reiner und werthvoller die Gegenstände, auf welche sich diese Ueberzeugung erstreckt, dem Geiste und Gemüthe sich zeigen, desto gewaltiger wird die Einwirkung derselben auf den Willen, auf den Entschluss, auf das Verlangen sein, für diese Ueberzeugung unter allen Umständen mit der That einzustehen. Es zeigt ja auch sonst im Leben der Mensch in demselben Masse Hingebung und Muth, in welchem er von dem Werthe der Sache, für die er kämpft, überzeugt ist. Für einen Menschen von gediegenem Charakter ist es geradezu eine Art höheren Bedürfnisses, die Beweggründe für sein Handeln aus richtiger Erkenntniss herzuleiten, sein Handeln nur nach dem Masstabe des erkannten Wahren, Guten und Schönen zu bemessen und von Andern bemessen zu lassen. Das Leben eines charakterfesten Menschen gibt durchweg Zeugniss von einem richtigen Einvernehmen des Denkens mit dem Empfinden, des Erkennens mit dem Wollen, des Geistes mit dem Herzen; es ist der treue Ausdruck vollkommener Uebereinstimmung der That mit der Ueberzeugung auf dem Grunde einer edlen, grossartigen Denkweise. Das Leben eines charaktervollen Menschen ist in sich gekehrt, abgeschlossen, von einer kraftvollen Ruhe, um da, wo sich ihm Gelegenheit zum Handeln bietet, mit um so grösserer Energie aus sich herauszutreten und sich Geltung zu verschaffen. Aber auch dann gehört es sich immer selbst an, macht sich nie von der Aussemwelt abhängig, sondern von einer ruhigen, wohlgeordneten Verfassung der Seele; es sucht seine Befriedigung nicht in dem Beifalle der Parteien, sondern in einer nach Ueberzeugungstreue geregelten Haltung. Und von dieser Haltung lässt es sich durch nichts, weder durch Furcht noch durch Hoffnung, am wenigsten durch die Erwartung solcher Vortheile abbringen, die auf ungeradem Wege erlangt zu werden pflegen. Diese überlässt der Charakterfeste ohne alle und jede schmerazliche Empfindungund schonaus Rücksichten der Selbstachtung jenen, diestatt der Vernunft deren unedle Schwester, die kleinliche Weltklugheit, zur Norm ihres Lebens gewählt haben. Ein wahrhaft verständiger, einsichtsvoller, ehrliebender Mann kann seine Blicke und Wünsche nicht auf einen Gewinn hinrichten, der nur zu erreichen ist unter dem Verluste des schönsten Schmuckes,


