Aufsatz 
Die grammatischen Kunstausdrücke
Entstehung
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Die grammatiſchen Kunſtausdrücke.

Einleitung.

Die grammatiſche Behandlung der deutſchen Sprache iſt nicht wie die Grammatik der Griechen rein auf heimiſchem Boden und aus heimiſchen Wurzeln gewachſen. Wie in vielen an dern Dingen haben vielmehr die Deutſchen auch auf dem Gebiet der Grammatik die reiche Erb⸗ ſchaft des klaſſiſchen Alterthums überkommen. Die grammatiſchen Kategorien, die wichtigſten Unterſcheidungen, die Flexionen der Wörter hatten die Griechen an ihrer Sprache entdeckt ein Jahrtauſend, bevor man in Deutſchland an grammatiſche Studien dachte. Die Entdeckungen der Griechen wurden von den Römern mit Fleiß und Beharrlichkeit auf die eigene Sprache angewandt, und ſo kamen ſie mit der lateiniſchen Sprache in den grammatiſchen Schriften des ſinkenden Alterthums an die germaniſchen Völker. ¹)

Die grammatiſchen Kunſtausdrücke der Griechen ſind durch die alexandriniſchen Gramma⸗ tiker(323 30 v. Chr.) eingeführt, welche dann von den römiſchen Grammatikern dem Sinne nach ins Lateiniſche überſetzt worden ſind und von da an in den Grammatiken faſt aller euro⸗ räiſchen Völker Eingang gefunden haben.

Der Verſuch, das ſeit dem 15. Jahrhundert für die deutſche Grammatik von Nikolaus von Wylle, Val. Ickelſamer, Laur. Albertus, Heinr. Schöpf u. A. Geleiſtete oder doch Angeſtrebte in Eins zuſammenzufaſſen und der deutſchen Sprache eine beſtimmte und bedeutende Stelle im ganzen Unterrichtsweſen anzuweiſen, gehört dem Beginn des 17. Jahrhunderts an. Wolfg. Ra⸗ tichius(r 1635) und ſeine Genoſſen Jungius, Helvicus u. A. haben dieſen wichtigen und erfolg⸗ reichen Schritt gethan, indem ſie beſtrebt waren, die deutſche Mutterſprache zur Grundlage alles weiteren niederen und höheren Unterrichts zu machen.

Suchte man ſo auf der einen Seite dem Deutſchen eine würdige Stellung in der Schule zu erringen; ſo trat auf der andern Seite(zunächſt als Folge des 30jährigen Krieges und der Fremdherrſchaft) in den höheren Ständen eine Sucht nach franzöſiſcher Sprache und Sitte ein, die bis ſtark ins 18. Jahrhundert hinein dauerte, ja die heute noch nicht ausgeſtorben iſt. Dieſem Streben traten diedeutſchen Geſellſchaften des 17. Jahrhunderts, beſonders diefruchtbringende in Weimar entgegen, und man wird von dieſem Standpunkte aus trotz ihrer deutſchthümelnden Spielereien und ihrer Selbſtüberſchätzung ihr Streben und ihren guten Willen ſehr hoch und ihre Leiſtungen wenigſtens nicht zu gering anſchlagen.

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*) R. v. Raumer im 3. Theil derGeſchichte der Pädagogik von ſeinem Vater K. v. R., wo die Ge⸗

ſchichte der deutſchen Grammatik ſehr gut dargeſtellt iſt. 1