Aufsatz 
Über deutsche Orthographie / Joseph Kehrein
Entstehung
[Giessen] [2019]
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der tutto, mhd. tutte, älternhd. dutte die Bruſtwarze. Daraus iſt(nach Weigand) vielleicht die Bedeu⸗ tungſpitzes Fleckchen(Tüpfel) entſtanden und dann auch in die BedeutungKleinigkeit übergegangen, wie bei Bürger(Abt von St. Gallen):Es ſoll kein Tüttelchen Wahres dran ſein. Schwiexrig iſt nicht von ſchwer(goth. svérs, ahd. swäri, mhd. swaere) gebildet, ſondern mit einem weiter gebildeten Be⸗ griff das mhd. swirec d. i. ſchwärenvoll, dann ſchmerzlich, drückend.

c. Diphthonge(Doppellaute).

§. 15. ai, goth. häufig, ahd. und mhd. ſehr im Abnehmen und durch ei vertreten, im 15 16. Jahrh. wieder zahlreicher und für mhd. ei, zuweilen auch für i, i, in ſtehend, ſeit dem 17. Jahrh. wieder im Abnehmen, findet ſich heute nur in: Ai(Faulthier), ai(Weheruf, oft bei Göthe), Bai, Hai, Kai, Lakai, Mai, Laie, Baier, Maier, Laib, Laich(bei Fiſchen, Fröſchen), laichen, aichen, Maid, Waid(Färbepflanze), Waidmann, H aide, Getraide, Saite, Hain, Krain, Rain, Zain, Main, Mainz, Mais, Laiſe (ältere Dichtungsart), Waiſe, Kaiſer, Maiſche, Waize. Man ſchreibt aber auch Ge⸗ treide, Weidmann, Weize, Leiſe, was auch in den andern Wörtern geſchehen könnte, da wir hochdeutſch ai= ei ausſprechen. Bei den meiſten dieſer Wörter ſoll durch ai und ei die verſchiedene Bedeutung klar gemacht werden, ſo bei: Ai Ei, ai ei, Laib Leib, Laich Leiche, aichen eichen, Waid Weide, Haide Heide, Saite Seite, Mais Meiſe, Waiſe Weiſe, weniger wol bei: Bai bei, Hai hei, Rain rein, Main mein, Laiſe leiſe, weil der Unterſchied hier ſchon in der Verſchiedenheit der Wortarten zu klar vorliegt, was freilich auch bei aichen und eichen der Fall iſt. Bei Weide reicht man nicht aus, da das Wort in dieſer Schreibung noch zwei Bedeutungen hat; auch der Leich(ältere Dich⸗ tungsart) und die Leiche ſind der Form nach noch einander ſehr ähnlich. In den genannten Ai Ei bis Weiſe, dann in den zuſammengezogenen Hain und Maid(wegen ſeiner alterthüm⸗ lichen Ehrwürdigkeit neben dem gleichfalls zuſammengezogenen Getreide), in den fremden Bai, Kai, Lakai, Mai, Laie, Kaiſer und in den Eigennamen Baier, Krain, Main und Mainz wird das ai ſich ſchwerlich mehr verdrängen laſſen.

§. 46. äu und en verhalten ſich im Ganzen zu einander wie ä und e(§FK. 12): wo der Umlaut noch gefühlt wird, wie in der Flexion und Ableitung, ſchreiben wir äu, z. B. Haus Häuſer, blau bläulich, ſonſt ſchwankend in, en. In verleumden und bleuen dringt immer mehr eu, in läugnen, Gräuel dagegen äu durch; ſchläudern und ſchleudern ſchwanken noch, doch ſcheint ſchleudern die Ueberhand zu gewinnen.

Anm. Verleumden iſt zuſammengezogen aus verleumunden, ahd. kaunhliumunteòon, mhd. beliumunden, beliumden, verliumden, verliumen, älternhd. belümbden, verleumen, verleimen, verleimuten; Leumund(von goth. hliuma Ruf) iſt ahd. hliumunt, mhd. liument, liumet, leumde, älternhd. lümunt, lymund, leümant, leümand, leümont, leumut, leumbd, leumd, läumbd, laimut, laimd, lümbd, lümd, limbd, lymbd, leymat, leimand, leymuth. Bleuen iſt goth. bliggvan, ahd. bliuwan, mhd. bliuwen, iſt nicht zunächſt von blau(ahd. blâo, mhd. blà, älternhd. blaw) gebildet, aber damit wurzelverwandt. Läugnen iſt goth. laugnjan, ahd. lougenen, lougnan, loukanjan, mhd. lougen, lougenen, älternhd. und noch in oberdeutſchen Mundarten laugnen. Schläudern iſt von Schläuder abgeleitet, beide Wörter kommen erſt im 15. Jahrh. vor und zwar als Schlauder(im 16. Jahrh. Schlauder und Schläuder), ſchlaudern, wie die ober⸗ deutſchen Mundarten heute noch ſprechen. Stieler hat Schleuder, ſchleudern, ſchlaudern. Gräuel iſt mhd. griuwel, griul, älternhd. greüwel, grewel, grüwel, greuel; davon gräueln, mhd. grüweln, griulen, älternhd. graueln, gräueln. §. 17. ei und eu ſchwanken älternhd. mehr als heute. Heirath und das in Süd⸗

deutſchland ſehr verbreitete, in Norddeutſchland unbekannte heint verdienen den Vorzug vor