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Homer wiederzugeben braucht, ja es nicht einmal darf, habe ich bei Jordan schon hingewiesen. Er darf es nicht, und zwar nicht nur der zahlreichen Wiederholungen und Widersprüche wegen, sondern auch wegen der minderwertigen Interpolationen, mit denen namentlich die Ilias an zahlreichen Stellen durchsetzt ist. Dass er es kann, will man ihm gern glauben, und darauf kommt es auch gar nicht an. Aber worauf es ankommt, ist, dass er nicht durch pedantische Vollzähligkeit dem nichtphilologischen Leser den Ge- schmack am ganzen verdirbt. Die Auswahl freilich ist eine miss- liche Sache; vielleicht wäre es besser, wenn nicht einer allein auf eigene Faust sich unterfinge, sie zu treffen. Jedenfalls müsste es einer sein, der sich auch in die tiefsten Tiefen der ungelösten ho- merischen Frage versenkt hat. Auch muss der Nachdichter den Mut haben,„von dem Namen Homeros sich befreiend“ hier und da einen einzelnen Vers oder Halbvers fallen zu lassen. v. Wilamowitz meint, nur ein Philologe könne die Griechen übersetzen, unbedingt,
aber es muss einer sein, der sich den Sinn für Geist und Schönheit der Muttersprache zu bewahren gewusst hat, wie es gottlob deren genug giebt.
Es bliebe noch die Frage des Versmasses zu erörtern. Ein Blick auf die Geschichtstabelle der deutschen Homerübersetzung lehrt, dass die meisten bersetzungen sich im Hexameter bewegen, und noch heute ist es für manchen selbstverständlich, dass Homer nur„im Versmass der Urschrift“ übersetzt werden könne. Und doch ist der deutsche Hexameter erstens ein ganz anderes Gebilde als der klangvolle strenggebaute griechische Vers, und zweitens ist er ein fremdes und fremdartiges Gewächs, das sich zwar in der deutschen Dichtung ein Heimatrecht, aber keine rechte Beliebtheit zu erwerben vermocht hat. Er ist zu einer Zeit in die deutsche Litteratur ein- geführt worden, wo die Antike neben ihrem befruchtenden auch einen überwuchernden Einfluss auf die verschiedensten Gebiete un- seres nationalen Geisteslebens ausgeübt hat. Auf dem Gebiete der bildenden Kunst hat Goethe bei Ausführung des Blücherdenkmals in Rostock den ausführenden Künstler veranlasst, den deutschen Nationalhelden aus hellenischer Auffassung heraus als Barbarenführer in Barbarenkleidung mit dem Löwenfell über den Schultern dar- zustellen, was thatsächlich auch geschah ¹¹). Und auf dem Gebiete der Dichtkunst hat ebenderselbe Goethe den urdeutschen Stoff von Hermann und Dorothea in den„falschen homerischen Rock“ ge-


