Aufsatz 
Revision der deutschen handelsgeographischen Literatur, hauptsächlich aus dem Gesichtspunkte des Schulbedürfnisses / [Janson]
Entstehung
Einzelbild herunterladen

14

7. Räckblich auf die erste Gruppe.

Obgleich wir nun aber dem Besten in seiner Art immer nachgegangen sind, wie die vorstehende Bücherschau beweisen möchte, so müssen wir schlieſslich doch mit Becher*) sagen: das vortrefflichste Nachschlagewerk vermag es nicht, ein systematisches Lehrbuch in allen Stücken zu ersetzen. Die besseren Encyclopädien besitzen zwar in ihren Artikeln den Stoff, welchen der specielle Theil der Handbücher darbietet, nicht aber das einigende Band, den allgemeinen Theil. Dieser hat nur im systematischen Zusammenschlufs aller Theile zu einem Ganzen seinen Platz. Er empfängt seinen Inhalt vom Zwecke, dem als angewandte Wissenschaft die Handelsgeographie dient, und von der Totalität des Realen, das sie dabei als Mittel verwendet. So wird er die Seele des Ganzen, das Centrum, um welches die einzelnen Theile gravitiren. Ohne ihn ist eine wissenschaft- lichere Gestaltung der Handelsgeographie unmöglich. Es ist also die reiche Gruppe von lexikalischen Werken für die Fortbildung des Gegenstandes zur Wissenschaft werthlos.

Auch für die Bildung des Handelsstandes im Ganzen und Groſsen hat sie nur einen sehr beschränkten Werth. Sie gibt im Einzelnen Auskunft über Alles und Jedes, aber sie leistet niechts im Zusammenhange, hebt nicht auf einen höhern Stand der Be- trachtung. Aus ihr kann man vielerlei Kenntnisse ziehen, aber keine Bildung, denn Bildung beruht auf dem Zusammenschluſs der Kenntnisse zu einem Ganzen, dessen ein- zelne Theile sich gegenseitig tragen, ergänzen, beleuchten. Der Menschengeist dürstet nach Einheit in der Vielheit; er beruhigt sich nur in dem Zusammenstimmen des Ver- schiedenartigen. Inwiefern ein Lexikon wenig dazu angethan ist, dieser Einheit zu dienen, fehlt es ihm an wahrhaft bildender Kraft. Wer hat aus einem Conversationslexikon schon Bildung geschöpft?

Die zahlreichen Freunde der hier kritisirten Literatur mögen sich indessen be- ruhigen, die Nachschlagebücher behalten darum ihren praktischen Werth für's Comptoir doch. Die Fluth des Wissens, auch des kaufmännischen, wird täglich gröſser, breiter. Der schwer begrenzbare Stoff wächst zu riesigen Detailmassen an. Je gröſser innerhalb dieser das Bedürfniſs der Concentration um feste Punkte wird, um so berechtigter wird zugleich auch die Existenz von Sammelwerken für die breitspurigste Fahrt durch die anschwel- lenden Massen der Specialitäten. Auch die tüchtigste Totalkenntniſs ist noch im Falle, die Specialkenntniſs der Encyclopädie anborgen zu müssen. Aber sie schafft alsdann ihrem Inhaber gröſseren Gewinn, weil das Besondere unter das Licht des Allgemeinen, das Neue an das Maſs des Alten tritt.

*) Vergl. Vorrede zur Handelsgeographie, B. I, S. 3.