Aufsatz 
Die Figur des Oktavio Piccolomini in Schillers Wallenstein
Entstehung
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Die Figur des Oktavio Piccolomini in Schillers Wallenstein.

Quot capita, tot sententiae dieser Spruch kommt vielleicht nirgends so sehr zur Geltung wie bei der Beurteilung und moralischen Bewertung von Personen, und zwar vornehmlich von mitlebenden, aber auch von historischen, und endlich auch von solchen, die bloß der Phantasie des Dichters ihr Dasein verdanken.

Daß wir die Mitlebenden verschieden beurteilen, wird niemand wundern, da ja über diese die Akten nicht geschlossen sind und kein Beurteiler die Gesamtheit ihrer Lebensäußerungen überschaut, sondern jeder nur einen Bruchteil derselben vor Augen hat u. zw. im allgemeinen jeder einen andern. Ferner stehen uns die Mit- lebenden meistens so nahe, daß wir im Kampfe ums Dasein mit ihnen in feindliche oder freundliche Berührung geraten und dabei hört dann unser Urteil vollständig auf, daszusein, was wirgewöhnlich unter einem Urteil verstehen, es dient nicht der Wahrheit, sondern dem Schutze der persönlichen Interessen zum mindesten ist der erstere Zweck vollständig dem letzteren untergeordnet es ist nicht mehr eine Wage, sondern ein Schwert.

Und genau besehen, kann es auch beim besten Willen gar nicht anders sein. Denn in der Hitze des Gefechtes fühlen wir nur den Hieb, den uns der Gegner versetzt hat, achten wir nur auf den Streich, zu dem er eben ausholt, und haben absolut nicht Zeit, darnach zu fragen, welche Absichten ihn hiebei leiten mögen, was doch für die moralische Beurteilung das Wichtigste wäre. In dieser Lage nun bezeichnen wir ohne weiteres das, was uns schadet,