Einige Textbemerkungen zu Schillers Wallenſtein.
Wiederholt habe ich mit den Schülern der Prima am hieſigen Gymnaſium Schillers Wallenſtein durchgenommen und zum großen Theile mit ihnen gemeinſam geleſen. Wir hatten bei der Lektüre verſchiedene Ausgaben in Händen, und es war auffallend, welch' eine große Zahl abweichender Lesarten dabei zu Tage kam. Manche von denſelben waren offenbar Druckfehler, ſo daß ſich das Richtige ſofort ergab; aber viele andere entgegenſtehende Lesarten gaben beide einen paſſenden Sinn, und ohne eine authentiſche Gewähr mußte es zweifelhaft bleiben, welche Lesart die echte ſei. Auch kamen einige wenige Ausdrücke vor, die, wiewohl ſie die Auktorität für ſich hatten, dennoch bedenklich zu ſein ſchienen und etwas befremdeten.
Als authentiſche Dokumente für die Echtheit des Textes ſind vor allem anzuſehen das auf der Königlichen Bibliothek zu Berlin aufbewahrte von Schiller ſelbſt revidirte Manuſcript und die erſte gedruckte Ausgabe vom Jahre 1800. Durch freundſchaftliche Vermittlung war es mir möglich, über den Text des Manuſcriptes an mehreren Stellen Gewißheit zu erlangen, ſo wie den erſten Druck vollſtändig ſelbſt einzuſehen und zu vergleichen.
Nach dieſen und manchen anderen Dokumenten ſind in neuerer Zeit auch mehrere Aus⸗ gaben unſeres Dramas mit diplomatiſcher Sorgfalt und Kritik veranſtaltet, namentlich von K. G. Helbig, H. Kurz, K. Goedeke und H. Oeſterley. Der Text iſt ſo durchgehends jetzt feſtgeſtellt und die große Zahl der abweichenden Lesarten in früheren Ausgaben ſehr einge⸗ ſchränkt. Aber immerhin iſt noch eine Anzahl abweichender und befremdlicher Stellen übrig, die einer genaueren Würdigung und Beachtung der Kritiker und Herausgeber werth ſind und be⸗ dürfen, um auch darüber eine Verſtändigung herbeizuführen. Mit anderen Schiller'ſchen Stücken iſt es ebenſo beſtellt.
Da nun die Mittel unſeres Gymnaſial⸗Etats den Druck einer größeren Abhandlung in dieſem Jahre nicht geſtatteten, ſo möge dieſe kurze Zuſammenſtellung derartiger Lesarten in dem genannten Drama, welche mir vor andern beachtenswerth zu ſein ſchienen, als Programm zu dem vorliegenden Jahresberichte der Oeffentlichkeit übergeben werden.


