Jugend eine Vorbereitung für das Leben zu Sein. Diese an- scheinend so selbstverständliche Tatsache gerât gerade bei alten Kulturvõlkern, die an einer langjährigen Tradition leiden, zuweilen in Gefahr, vergessen oder nicht genügend beachtet zu werden. Unstreitig war sie z. B. bei unserem deutschen höherem Schul- wesen zu gunsten lieb gewordener Traditionen in den Hintergrund getreten, bis die durch die unmittelbare Anregung des deutschen Kaisers eingeleitete Schulreform unseren höheren Schulen wieder ihre wahren Aufgaben vor Augen stellte. Mögen wir auch noch viel mehr, als die meisten Deutschen glauben, unter der Wirkung der überkommenen Tradition stehen, so weht doch offenbar seit 15 Jahren wieder ein frischer Hauch durch unser Schulwesen, der den berechtigten Forderungen der Gegenwart immer mehr Rechnung zu tragen bestrebt ist. Aber auch im Volksschulwesen wäre es fast an der Zeit, sich bei uns in Deutschland wieder auf jenen eigentlichen und vornehmsten Zweck der Schule zu besinnen: daß sie eine Vorbereitung für das Leben sein soll; nicht etwa eine Anstalt zur Verbreitung gewisser an irgend einer Stelle beliebter Theorien, seien sie politischer, religiöser oder sozialer Art, sondern einzig und allein eine Anstalt, die berufen ist, die ihr anvertraute Jugend auf nationaler Grundlage geschickt zu machen zum Kampf ums Dasein und zur Erfüllung ihrer staatsbürgerlichen Pflichten. In Amerika fragt man eben niemals: Was verlangt die Regierung? Was verlangt die Kirche, was die Partei? sondern einzig und allein: Was verlangt die Jugend? Und eben darin, in ihrer Unabhängigkeit von allen politischen, religiéösen und sozialen Sonderinteressen, beruht die Macht, das Ansehen und der Erfolg der amerikanischen Schule, die uns Deutschen in dieser Hinsicht ein lehrreiches Beispiel und eine eindringliche Mahnung sein möge!
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