Aufsatz 
Eine Studienreise nach den Vereinigten Staaten
Entstehung
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So hatte ich in dem Zeitraum von beinahe sieben Monaten, von denen drei ausschließlich dem täglichen Besuch von Schulen aller Art gewidmet waren, auf mannigfachen Kreuz- und Quer- fahrten das gewaltige Gebiet der Vereinigten Staaten in wirt- schaftlicher, sozialer und vor allem in geistiger Hinsicht einiger- maßen kennen gelernt mit Ausnahme des Südostens, der wegen seiner überwiegenden Negerbevölkerung und des damit zusammen- hängenden Tiefstandes geistiger Kultur für meine besonderen Studienzwecke kaum in Betracht kam. Nachdem ich auch noch das politische Leben der Union auf allen Stufen seiner Betätigung in den Wahlkämpfen aus Anlaß der Präsidentenwahl hatte be- obachten können, trat ich am Tage nach der Wahlschlacht, am 9. November, von San Francisco aus die Weiterreise nach Westen an, die ich nach siebentägiger, nichts weniger als an- genehmer Fahrt über den sogenanntenStillen Ozean noch einmal in Honolulu, der Hauptstadt der hawaiischen Inseln, auf zehn Tage unterbrach. Auch hier, in diesem letzten amerikanischen Territorium, fand ich dieselben typisch amerikanischen Schul- einrichtungen wie auf dem Festlande, denen gegenüber das Studium von Land und Leuten dieser klimatisch so begünstigten Inselwelt sich als viel lohnender erwies; schade nur, daß die liebenswürdige Eigenart diesesParadieses des Großen Ozeans der öden Gleich- förmigkeit amerikanischer Kulturtünche und dem immer wachsen- den Zustrom japanischer Einwanderung rasch zu erliegen droht!

Nach zehntägiger, einsamer Fahrt durch die weite Wasser- wüste des Stillen Ozeans, deren Einförmigkeit nur durch den Sprung

über die Datumgrenze unterbrochen wurde den 30. November 1904 habe ich nicht erlebt, da der Schiffskalender vom 29. November gleich auf den 1. Dezember übersprang, landete ich am 7.

Dezember in Vokohama, dem bedeutendsten Hafenplatz Japans. Diesem Lande, das schon durch seine ungeahnte Entwickelung die Aufmerksamkeit aller Kulturvölker auf. sich gelenkt hatte, nach dem sich grade damals erst recht die Blicke der ganzen Welt richteten, weil es in den Riesenkampf mit Rußland ver- wickelt war, hatte ich ursprünglich einen längeren Besuch zu- gedacht, schränkte aber dann diese Zeit auf drei Wochen ein nicht etwa wegen der kriegerischen Verhältnisse, von denen man im ganzen Lande kaum eine Spur merkte, sondern bloß wegen des ganz ungewöhnlich schlechten Wetters: Schnee und Regen verfolgten mich leider fast die ganze Zeit hindurch, und das ist doppelt unangenehm in einem Lande, dessen Hauptreiz