Aufsatz 
Die sozialen Fragen der Gegenwart im evangelischen Religionsunterricht höherer Schulen / von L. Hochhuth
Entstehung
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dienstbar machen will.¹)) Dadurch kann unserer evangelischen Kirche ein neuer Frühling erstehen und eine solche Lösung vieler sozialer Schwierigkeiten gelingen, dals Segenskräfte von ihr auf die Mensch- heit ausströmen. Zur Lösung dieses Problems kann und muſs die höhere Schule mit beitragen. Sie muls den jungen Christen, denen die Zukunft gehört, das Ziel und die Aufgabe zuweisen, die ihnen besonders hierin gegeben ist. Wenn die Schule dies nicht thut, so werden weiterhin die Gebildeten zu tausenden gleichgiltig allem Ge- meindeleben gegenüberstehen und im besten Falle sich mit einer gewissen freundlichen Stellung zu den religiösen Fragen beruhigen. Der Weg, wie die Schüler für die Frage gewonnen werden könnten, wäre etwa so, dals sie zuerst nach der Apostelgeschichte ein lebens- volles Bild einer wirklichen Christengemeinde erhielten, ohne daſs für die Gegenwart eine Kopie der Formen, in denen sie sich organi- sierte, verlangt würde; es kommt auch hier nur auf den Geist der Bruderliebe an, der sich nach Zeit und Verhältnissen in wech- selnden und mannigfaltigen Formen auswirken kann. Zweitens müſsten sie die Kräfte und Mittel kennen lernen, mit denen heute eine Neu- pelebung der Gemeinde mõglich ist. Zu dieser letztern rechne ich die Anfänge einer selbständigen Gemeindeorganisation(Synoden, Kirchenvorstände, Gemeindevertretungen, ²) die Liebesthätigkeit,³) be- sonders der innern Mission und die Vereinsthätigkeit. Bei der Aus- führung des ersten Punktes ist die familienartige Bildung der jugend- lichen Gemeinde zu betonen, als Familie hat die Gemeinde gemein- samen Besitz und gemeinsame Mahlzeiten. Der gemeinsame Besitz bedeutet nicht eine neue Institution, es ist nur eine in der Glut der ersten Liebe aufs weitherzigste und im gröſsten Umfange vollzogene Ausgleichung des Besitzes. Aber selbst bei dieser von der Liebe

) Vergl. Sulze, Die evangelische Gemeinde. Gotha 1891; auch zahlreiche Aufsätze desselben Verfassers in derChristl. Welt und derProtest. Kirchen- zeitung. Ein Bild der evangelischen Gemeinde, wie sie sich Sulze denkt, findet sichChristl. Welt 1892, No. 35. v. Soden, Die Kirchengemeinde in ihrer sozialen Bedeutung in Verhandlungen des I. evang. sozialen Kongresses, Seite 15 ff.

2) Vergl. Naumann, Die Mithilfe der Kirchengemeinden und ihrer Organe zur Lösung der sozialen Frage, Karlsruhe 1891; Baumgarten, Der Seelsorger unserer Tage, Leipzig 1891; von der Goltz, Die Aufgaben der Kirche, Leipzig 1891.

3) Böhmert, Die Armenpflege, Gotha 1890; Ueber Bestrebungen für das Arbeiterwohl, Gotha 1891; Drews, Mehr Herz für's Volk, Leipzig 1891.