Aufsatz 
Ueber einige geologische Fragen / von Ferd. Henrich
Entstehung
Einzelbild herunterladen

14

nach die Gletscher unter sonst gleichen Umständen die grösste Mächtigkeit erreichen. Ein Gebirg an den Polen das 1 ½ Meilen über die Meeresfläche sich erhebt, muss demnach mit einer ungewöhnlich dicken Eisschichte überzogen sein. Da nun alle Gletscher sich bewegen, freilich äusserst langsam sich bewegen, so könnte man leicht glauben, dass die durch sie hervorgebrachte Erosion um so stärker sein müsste, je mächtiger die Gletscher selbst sind. Dies ist keineswegs unter allen Umständen der Fall. Das weiche Eis ver- mag auch unter dem stärksten Drucke nicht in einen harten Felsen zu dringen oder diesen abzuschleifen. Wer mur oberflächlich die Gletscher in den Alpen untersucht hat, muss das wissen. Die sehr pedeutende Erosion durch Gletscher in den Alpen beruht auf einem anderen Umstande. Die vielen steilen, fast senkrecht aufsteigenden Berggipfel sind nur wenig oder gar nicht mit Schnee bedeckt. Werden sie am Tage von der Sonne erwärmt, so schmilzt ein Theil des Schnee's und das entstehende Wasser dringt in die Spalten. Hier gefriert es, sowie die Sonne verschwunden ist und sprengt, weil es sich ausdehnt, grosse und kleine Blöcke ab, die herab auf die Gletscher fallen. Im Fallen zertrümmern sie andere Gesteine und führen sie mit sich auf den Gletscher, der sie allmählig nach dem Thale bringt. Der Gletscher aber ist von Rissen und grossen Sprüngen namentlich da durchzogen, wo er seine Neigung plötzlich ändert. In diese Risse fallen die Steine. Die kleineren kommen auf den Boden, die grösseren nicht oder nicht immer. Bei dem Weiterrücken des Gletschers schliessen sich die meisten Spalten, wenn die Neigung der Ebene sich nicht oder nur sehr wenig ändert. Jetzt liegen unter dem Gletscher scharf- kantige. kleine und grosse Steine, auf welchen der Gletscher mit seiner ganzen Last ruht, die er demnach bei seiner Bewegung mit sich führt. Diese reissen den Boden auf, nic ht aber der Gletscher. Ohne solche scharfe Zähne wäre der gewaltigste Gletscher ohn- mächtig, einem anstehenden und harten Gesteine gegenüber. Mit diesen aber ist er gleich- sam ein ungeheurer Hobel dem nichts widerstehen kann. Kehren wir jetzt zurück zum Pole. Nach eingetretener Rotation zog sich das Meer vom Pole, und ein gewaltiges glattes Gebirg erhob sich üher das Meer von 1 ½ Meilen Höhe. Die Vergletscherung desselben begann sogleich, da es höchst unwahrscheinlich ist, dass Regen in solcher Höhe und Lage jemals auf dasselbe gefallen ist, und gleichmässig wurde das ganze Gebirg von einer mächtigen Eisdecke umhüllt. Wo sind hier die steilen Bergzacken, welche die wirksamen Steine dem mächtigen Hobel liefern? Im Gegentheile, die gewaltige Eisdecke war ganz geeignet das darunter liegende Gebirg vor PErosion zu schützen. Wäre die Mohr'sche Hypothese richtig, so wäre die Thatsache nicht wohl zu pegreifen, dass wir noch immer festes Land haben, oder besser gesagt, dass sich überhaupt festes Land jemals gebildet hat. Aus einer vollkommen starren Masse, die von Wasser umfluthet wird, können sich unmög- lich Berge von 12000 bis 28000 Fuss Höhe erheben; in einer so festen Masse sind be- deutende Senkungs- und Erhebungserscheinungen, die durch die Beobachtung doch un- zweifelhaft erwiesen sind, ganz unmöglich.