V. Chronik.
Die Lage der Stadt und Feſtung Mainz brachte es mit ſich, daß der plötzliche Ausbruch des Krieges zu ſchleunigen Vorkehrungen drängte und überwältigend in alle Verhältniſſe eingriff. Daß das Gymnaſialgebäude für militäriſche Zwecke in Anſpruch genommen, und dadurch der ſofortige Schluß des Schuljahrs herbeigeführt wurde, haben wir bereits im vorjährigen Programm angezeigt; es wurde zu einem Lazareth eingerichtet, für 200 Betten, und ſchon am 1. Auguſt wurde mit dem Ausräumen der Localitäten und dem Einfahren der Betten begonnen. Nur die Kapelle, zwar auch ſchon ausgeräumt, aber noch nicht mit Betten beſetzt, bot noch eben Raum, um am 3. Auguſt die noch anweſenden Schüler mit dem Lehrercollegium zu verſammeln, dem hohen und erwartungsvollen Ernſte der Lage, wie den dafür ſich gebührenden patriotiſchen und ſittlichen Stimmungen Ausdruck zu geben, die Reſultate des Schuljahres zuſammenzufaſſen, den Abiturienten die Zeugniſſe der Reife einzuhändigen, die Prämien und Cenſuren zu vertheilen, und mit der Hoffnung auf ein von Gott geſegnetes Wiederſehen ſich zu verabſchieden. Für dieſe Hoffnung war bereits ein leuchtender Stern aufgegangen; denn gewiß war es eine Bürgſchaft für die Zuverſicht der deutſchen Kriegsführung, als am 2. Auguſt in der Morgenfrühe Se. Majeſtät der König von Preußen ſein erſtes Hauptquartier in unſerer Stadt aufſchlug und dadurch das Bollwerk unſerer Feſtung als vorläufig geſichert bezeichnete. Und ſchon am 4. Auguſt erklangen bei uns die Siegesnachrichten von Weißenburg, und am 6. Auguſt Abends durchflog die Stadt die Jubel⸗ kunde, wie der König perſönlich den in der neuen Anlage verſammelten Officieren die eben empfangene Depeſche von dem großen entſcheidenden Siege bei Wörth mitgetheilt habe. Am andern Morgen erfolgte die Siegeskunde von den Spicheren⸗Höhen, und ſchon um 10 Uhr rückte das glänzende Hauptquartier unter Jubelabſchied tiefer ins Land gen Frankreich hinein. Hatten bis dahin die Eiſenbahnen und Rheinbrücken bei Tag und Nacht nur immer muthig herbei⸗ eilende Truppen zu fröhlicher Bewirthung, nebſt unabſehbarem Kriegsgeräth, von jenſeits des Rheines zu uns herüber⸗ geführt, ſo begannen nun vom Kriegsſchauplatze her die Transporte der Gefangenen und die ergreifenden Anblicke der Verwundeten, welche mit der Eiſenbahn hierhergebracht, auf dem großen Verbandplatze bei Tag und Nacht verſorgt und dann zu Schiffe getragen wurden. Das Schallen der Straßen von immer neuen Siegesdepeſchen, die großen Zelt⸗ und Barackenlager mit faſt 30,000 Gefangenen, die fremden Uniformen und die Geſichter der Turcos, die immer⸗ währende Thätigkeit der Sanitäts⸗, Hülfs⸗ und Erfriſchungs⸗Vereine, der endliche Friedensſchluß mit ſeinem Jubelfeſt, der großartige Empfang des ſiegreich zurückehrenden Kaiſers und Königs am 15. März, die Feſte und Illuminationen, die Begrüßungen der zurückkehrenden hochbeſtaubten, aber mit hellen Sträußen und Kränzen geſchmückten Siegestruppen: das alles lebt noch in friſcher Erinnerung, darf aber an dieſer Stelle nicht unverzeichnet bleiben, weil das alles ja auch mehr oder minder in das Leben und die Theilnahme der Schule eingriff und auf den Geiſt unſerer aufwachſenden Jugend gewiß einen nachhaltigen Eindruck geübt haben wird.
Die glückliche Wendung des Kriegslaufes hatte für unſer Gymnaſium zunächſt die Folge, daß die Lazaretheinrichtung des Gebäudes gar nicht zur Verwendung kam, ſondern ſchon gegen Mitte des Septembers mit der Ausräumung und Wiederherſtellung der Schul⸗Localitäten begonnen werden konnte. Und ſo ließ es ſich bewerkſtelligen, daß am 3. October das neue Schuljahr mit der Aufnahme neuer Schüler eröffnet wurde. Nur die Kapelle konnte noch nicht gleich wieder in Gebrauch genommen werden; abgeſehen von den neuen Beſchädigungen in Folge der größeren Schwierigkeit ihrer Aus⸗ räumung(Altar, Predigtſtuhl ꝛc.), harrete ſie ſchon ſeit lange einer gründlichen Reſtauration, zumal ſeit der großen Exploſion von 1857. Und ſo haben wir denn hier mit Dank anzuerkennen, daß die ſtädtiſche Behörde bereitwillig entgegenkam und der Kapelle eine würdige decorative Reſtauration zugewendet hat. Am 23. October konnte wieder
der erſte Gottesdienſt darin gehalten werden. Während der Oſterferien iſt ſodann auch der Altar von Seiten des
Vſlereͤialeots reſtaurirt und würdig decorirt worden.
Am 2. November wurde, wie alljährlich, für die verſtorbenen Lehrer, Schüler und Wohlthäter der Anſtalt in der
Gymnaſialkapelle ein Requiem gehalten.
.. Die Klaſſenprüfungen(nicht öffentlich) wurden in folgender Weiſe gehalten: in VI am 29. Februar; in V am 2. Marz; in IV am 8. März; in IIt am 11. März; in IIb am 16. März; in Ila am 18. März; in Ib am 24. März; in am 27. März.
Zur Feier des Oeburtsfages Sr. Königlichen Hoheit des Gebßhtkogs am 9. Juni wohnte das Lehrercollegium der
hohen Feſtlichkeit im Dome bei. Ebenſo fand die entſprechende Betheiligung Seitens des Gymnaſiums bei den übrigen diesjährig beſondern Feſtlichkeiten ſtatt.
Gemäß Mittheikung Großherzoglicher Oberſtudiendirection vom 14. December 1870 hatte Großherzogliches Miniſterium
des Innern durch Entſchließung vom 266. November genehmigt, daz von der durch Höchſt Deſſen Verfügung vom
14. Juni angeordneten Erhöhung des Schulgeldes an den Gymnaſien für das Gymnaſium zu Mainz abge⸗ ſehen werde


