Prinz Eugen von Savoyen. Se43n
§. 1. Herrunft. Erziehung. Abreiſe nach Deutſchland. Karl Emanuel, Herzog von Savoyen, hatte von ſeiner Gemahlin Katharina, einer Tochter König Philipp's II. von Spanien, fünf Söhne. Der jüngſte von ihnen, Thomas Franz, der Großvater unſres Helden und Stifter der im J. 1831 auf den Thron erhobenen Linie Carignan, war, unzufrieden mit ſeiner Familie, nach Frankreich gegangen, wo er durch ſeine Vermählung mit Marie von Bourbon, die von ihrem Bruder die Grafſchaft Soiſſons erbte, Macht und Reichthum erwarb. Von ſeinen beiden Söhnen heirathete der jüngere, Eugen Moritz, der die Grafſchaft Soiſſons als Erbe ſeiner Mutter erhielt und dadurch in Frankreich eingebürgert war, eine von Mazarin's Nichten, Olympia Mancini, und hatte aus dieſer Ehe drei Töchter und vier Söhne. Zwei von dieſen Brüdern, Ludwig Thomas und Ludwig Julius, fanden den Tod im Dienſt des Kaiſers an ihren auf dem Schlachtfeld erhaltenen Wunden; ein dritter ſtarb ruhmlos in Paris; der jüngſte, Franz Eugen, iſt es, von deſſen thatenreichem Leben wir in dieſen Blättern eine freilich nur dürftige Skizze geben. Prinz Franz Eugen von Savoyen, von allen Feldherren Oeſterreichs der größte, iſt geboren zu Paris am 18. Oktober 1663. Seinen Fähigkeiten nach dem Vater wenig ähnlich, aber deſto mehr ſeiner Mutter wahrhaftiges Ebenbild, verdankte er letzterer auch die ſorgfältige Erziehung und geiſtige Ausbildung. Noch nicht zehn Jahre alt, verlor er den Vater. Wegen ſeiner zarten Leibeskonſtitution, die wenig geeignet ſchien für die Beſchwerden des Kriegslebens, wählte man für ihn eine andre Laufbahn; be⸗ ſtimmte ihn dazu, einſt einer der hohen Würdenträger der Kirche zu werden; und er war noch im Knabenalter, als man ihm ſchon die Einkünfte der beiden, in der Gegend von Turin gelegenen, ſeit langer Zeit für Prinzen ſeiner Familie vorbehaltenen Abteien Caſa Nova und S. Michele della Chiuſa verſchaffte. Deshalb mußte er auch Griechiſch und Latein lernen. Alles ſah in ihm nur den künftigen geiſtlichen Herrn; und ſcherzhaft ward er ſchon ſo genannt. Aber ſein Sinn war auf andre Dinge gerichtet; und wenn er ſeine Hiſtorienbücher, nament⸗ lich wenn er des Curtius glänzend und anziehend geſchriebene Geſchichte Alexanders d. Gr. aus den Händen legte, ſchlug ihm das Herz höher, war er träumeriſch verſunken in den Gedanken einer Heldenlaufbahn. Wie er älter wurde, wuchs ſeine kriegeriſche Neigung; und er entſchloß ſich, den König um eine Stelle in der Armee zu bitten. Aber dieſer war ihm nicht hold; übertrug auf den Sohn die Abneigung gegen die Mutter, die im Verdacht ſtand, an einer gegen den König erſchienenen Satire Theil gehabt zu haben. Und von Louvois ſagt man, daß er ihn haßte, weil der dem Prinzen angeborne Stolz ihn ſich nicht beugen ließ vor dem mächtigen Miniſter. Wie dem auch ſei, in den Zirkeln des Hofes ward er ſchon wegen ſeiner Verlegenheit in der ſ. g. großen Welt, die aus ſeiner Beſcheidenheit entſprang und die man für Geiſtesarmuth hielt, mit Geringſchätzung angeſehen; dem „kleinen geiſtlichen Herrn“(le petit abbé), ſo nannte ihn der König, ward ſein Geſuch abgeſchlagen. Anderswo werde er eine Bahn des Ruhmes ſich ſuchen, nur mit dem Degen in der Hand nach Frankreich zurückkehren, ſoll er damals einigen Freunden geſagt haben. In Deutſchland fand er die neue Heimath. Schon war ſein älterer Bruder Ludwig Julius nach Oeſterreich, das damals mit den Türken im Krieg war, ihm vorangegangen(1682). Im Mai 1683 kam er nach Wien, wo er bei Kaiſer Leopold I. die freundlichſte Aufnahme fand. Von dieſem gütigen Monarch, der Alles mit dem Auge der Liebe anſchaute, erzählt man, er habe in ſehr merkwürdiger Weiſe auch darin gleichſam den das Innere durchdringenden Blick der Liebe gehabt, daß er leichter und ſicherer als Andere diejenigen herausfand, die ihm mit Widmung und Treue zu dienen verſtanden. Fünf oder ſechs Tage nur blieb Eugen in der Hauptſtadt. Er eilte zur Armee, die Herzog Karl von Lothringen kommandirte, und wobei ſein Bruder Ludwig Julius Oberſt⸗Inhaber eines eben erſt errichteten Reiterregiments war.
§. 2. Petronel. Wien. Ofen. Mohacs. Belgrad.(1683 bis 1688.) Vor der Uebermacht der Türken zurückweichend, ſtand die Armee ſchon diesſeits Raab. Hier fand Eugen ſeinen Bruder, in deſſen Regiment er als Freiwilliger eintrat(jetzt Kaiſer Franz Joſeph⸗Dragoner Nr. 3). Aber auch Raab, die feſte Stadt, hielt den Großvezier Kara Muſtapha nicht auf, der nur Wien im Auge hatte, wo er die Schlüſſel auch zu den Ungariſchen Feſtungen zu finden dachte. Ein Corps Türkiſcher Reiter, darunter 8000 Tataren, ſetzte
Hennes, Prinz Eugen. 1


